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Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
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Paul Heyse.

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Sonne, die gleichgültig über Gerechte und Ungerechte scheineund mehr Elend als Glück sehe, über die endlose, sich stetserneuernde Noth des Lebens u. s. w. Franzei, der jungesocialistische Buckdrucker, hat eben entwickelt, wie der,welcher das allgemeine Loos der Menschen bedenke, erstrecht nie zur Ruhe komme, und hat in. seinem Schmerz dasLeben ein Unglück und eine Lüge genannt, als Balder ihmzu zeigen sucht, wie ein Leben, worin man zur Ruhe käme,überhaupt nicht mehr diesen Namen verdienen würde Ererklärt ihm dann, worin der Lebensgenuss für ihn bestehe,nämlich darin,Vergangenheit und Zukunft in Eins zu em-pfinden. Höchst eigenthümlich hebt er hervor, dass ernicht geniessen könne, wenn er sich nicht ganz empfinde,und dass er in den stillen Augenblicken der Betrachtungalle die zerstreuten Elemente seines Wesens in einen Accordvereine.So oft ich wollte, das heisst, so oft ich mir einrechtes Lebensfest machen und mein bischen Dasein ausdem Grunde geniessen wollte, habe ich so zu sagen alleLebensalter zugleich in mir erweckt, meine lachende, spielendeKindheit, wo ich noch ganz gesund war, dann das ersteAufglänzen des Denkens und der Gefühle, die ersten Jünglings-schmerzen, die Ahnung, was es um ein volles, gesundesMannesleben sein müsste, und zugleich auch die Entsagung,die sonst nur ganz alten Menschen leicht zu werden pflegt.Für eine solche Lebensauffassung ist das Menschenlebennicht in Augenblicke zerklüftet, die verschwinden und derenVerschwinden beklagt wird, auch nicht im Dienste sich ge-genseitig widerstrebender Triebe und Gedanken zersplittert;für eine solche Fähigkeit, in jedem Augenblick Anker zuwerfen, die Ganzheit und Wirklichkeit seines Wesens' zufühlen, kann' das Leben nicht wie ein böser Traum zerrin-nen.Glaubst Du nicht, sagt Balder,dass der, welcherin jedem Moment, wenn er nur will, eine solche Fülle desDaseinsgefühls in sich erzeugen kann, es für ein leeres Worthalten muss: nicht geboren zu sein, wäre besser? 1 Man

i K. d. \V. u 612.