Buch 
Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
Entstehung
JPEG-Download
 

IO

Paul Heysf..

scheinbar rein intellectuell angelegtes Weib. Ein lebhafterDrang nach Wissen und geistiger Klarheit hat sie zu Edwingeleitet, er hat sie in der Philosophie unterrichtet. Mankönnte also glauben, dass sie jetzt ihrerseits einen Kampfgegen jene magische Macht des Blutes durch einen Appellan die Geistesmächte, die sie so lange mit Edwin verbun-den haben, versuchen würde. Im Gegentheil! Weit entfernt,nur als strebender Geist charakterisirt zu sein, ist sie vorAllem eine Natur. Sie hat ihn immer glühend geliebt, abersie hat gefürchtet, dass seine Liebe, weniger heiss als dieihrige, durch Ausbrüche ihrer Leidenschaft verscheuchtwerde, und doch hat sie die Philosophin in ihrerEinsamkeit zu sich selbst gesagt:Liebe ist Thorheitseliger Unsinn Lachen und Weinen ohne Sinn und Ver-stand. So habe ich ihn immer geliebt, bis zum Vergehenund Vergessen aller Vernunft. Jetzt, da das Glück ihrerEhe auf dem Spiel steht, bricht sie in die Worte aus:Wenn er merkt, dass ich das Blut meiner Mutter in denAdern habe, heisses, alttestamentari'sches Blut, vielleichtkommt er dahinter, dass er. sich sehr verrechnet hat, als ermit einem solchen Wesen eine ,Vernunftehe schliessen zukönnen glaubte. Vielleicht kommt der Tag, wo ich ihmAlles sagen darf, weil er selbst nicht mehr genug hat an einembescheidenen Lebensglück, wo er etwas Stolzeres, Ueber-müthigeres, Ueberschwänglicheres verlangt und dann kannich ihm sagen: Du hast nicht weit zu suchen, die stillen Wassersind tief l . Alles ist hier charakteristisch, sowohl die Zurück-führung auf Abstammung undRace, wie der Protest der heis-sen, leidenschaftlichen Natur gegen die Verkleidung der un-mittelbaren Leidenschaft als vernünftige Hingebung. Nur wermit diesem Grundzuge Heyses vertraut ist, wird das rechte Ver-ständniss und Interesse für eins seiner Dramen haben, das sonstsein schwächstes sein dürfte, und das aus mehreren Ursachenmir seiner nicht ganz würdig erscheint; ich meineDie Göttin

* K. d. W. III, 210, 242, 256.