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Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
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Paul Heyse. 11

der Vernunft. .Oder ist es nicht höchst eigenthiimlich, dassHeyse Angesichts der ganzen riesenhaften französischenRevolution sich aus ihr gerade diesen Stoff zurecht legt,und ihn gerade so behandelt? Mancher Dichter würde mitder Wahl eines solchen Sujets sich ein Organ für das Pathosder Revolution suchen oder er würde die reine Begeisterungder Vernunftgöttin im historischen Augenblick eine gedanken-lose und unwürdige Vergangenheit adeln lassen, die sich den-noch tragisch rächt. Ein Dichter wie Hamerling könnte viel-leicht etwas Ansprechendes aus diesem Gegenstände machen.Heyse erstaunte, seiner Naturanlage gemäss, bei dieser Er-scheinung: ein Weib, ein Stück Natur mit weiblichem In-stinct und weiblicher Leidenschaft, wird für die Vernunft, dieVernunftgöttin, d. h. die trockene, steife, rationalistischeVernunft des 18. Jahrhunderts ausgegeben! Und er dichtetdann ein Weib, das kraft der Tiefe ihrer Natur (im Grundeihrer Zeit vorausgeeilt) von dem Gefühl ergriffen ist, dassdas ungeheure All-Leben sich auf keine Schulformel zurück-führen lässt, ein Weib, das liebt und fürchtet, leidet undhofft, das für das Leben ihres Vaters und ihres Geliebtenzittert, das vor Qual, von dem Geliebten verkannt zu werden,verzweifelt, 'und lässt dann dies Weib, das als ein echtesKind ihres Dichters gesagt hat:Mir ist das Höchste : Nichts.zu thun, was mich mit mir selbst entzweit, mit allen Fibernvor Leidenschaft bebend, in persönlicher Verzweiflung, ohneeinen Gedanken an das Allgemeine und Abstracte, an Re-publik oder Geistesfreiheit, und während ihr Vater vor derKirchenthür getödtet wird, nothgedrungen vom Altäreherab das neue Vernunft-Evangelium verkünden, das sieselbst einmal spöttisch als das Weltgesetz, dass zwei malzwei vier ist, bezeichnet hat. Viel werthvoller, als in poe-tischer Hinsicht, scheint mir dies Stück als Beitrag zur Psy-chologie seines Dichters.

Man würde Heyse indess sehr Unrecht thun, wenn man jaus dem bis jetzt Hervorgehobenen schliessen würde, dass .er nichts Höheres als die elementare Natur und ihre Triebe