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Paul Heyse.
anerkenne. Mit dem Worte Instinct ist hier etwas von demeinzelnen Triebe völlig Verschiedenes gemeint. Der Instinctist der Drang, sich ganz zu bewahren. Darum kann Heyse auchsehr wohl eine freie Sympathie über die Bande des Blutesund selbst über das nächste Verwandtschafts-Verhältnisstriumphiren lassen. In der Novelle „Der verlorene Sohn“versteckt und pflegt eine Mutter, ohne es zu wissen, denunschuldigen Mörder ihres Sohnes, und als dieser durchseine Liebenswürdigkeit sowohl das Herz der Mutter wieder Tochter gewinnt, lässt der Dichter ihn die Tochter alsBraut heimführen. „Der verlorene Sohn“ wurde in ehrlicherNothwehr getödtet und sein Gegner hat nicht einmal seinenNamen gekannt. Selbst als die Mutter das Nähere über denTod des Sohnes erfährt, legt sie darum der Heirath keinHinderniss in den Weg, sondern trägt allein und ohne Jemandihr Geheimniss zu vertrauen, das Unglück, das sie getroffenhat. Hier ist also mit voller Zustimmung des Charaktersein rein geistiges Band an die Stelle der Blutsbande ge-treten; die Mutter nimmt den als ihren Sohn an, durch dessenHand ihr eigener Sohn gefallen ist; aber indem sie dasthut, handelt sie in Uebereinstimmung mit ihrer tiefsten Naturund bewahrt ihre Seele ungetheilt. Das Gleiche gilt in allenFällen, wo bei Heyse die Persönlichkeit aus Pflichtrück-sichten eine wirkliche Leidenschaft, eine tiefe Liebe zurück-drängt. Wo es geschieht (wie im Drama „Marie Moroni“,in der Novelle „Die Pfadfinderin“, oder in dem Romane„Die Kinder der Welt“), da geschieht es eben, um die Treuegegen sich selbst zu bewahren, um nicht die Ganzheit undGesundheit seines eigenen Wesens einzubtissen, und mansieht die Pflicht aus dem eigenen Born der Natur entströmen,indem als höchstes Pflichtgesetz das Gebot gilt, nicht inZwiespalt mit dem eigenen Ich zu gerathen. So weit istHeyse davon entfernt, die Natur als feindlich gegen Geistund Pflicht aufzufassen.
Für ihn ist sie alles : Alles, was in unserer Macht steht,was wir ausführen oder vollbringen, trägt, insofern es etwas