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Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
Entstehung
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Paul Heyse.

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werth ist, untrüglich ihren Stempel, und über alles, wasnicht in unserer Macht steht, über unser ganzes angeborenesSchicksal gebietet sie direct, unmittelbar, allmächtig undunumschränkt. Selbst der unglücklichste Charakter, den ergeschildert hat, findet, wie übel er auch vom Schicksalbehandelt worden ist, einen Trost darin, dass er ein Kindder Natur, d. h. dass er nicht beeinträchtigt worden ist.Wenn die Elemente meines Wesens, die mich vom Glückausschliessen, durch eine grosse blinde Fügung des Welt-laufes sich gefunden und vereinigt haben und ich an dieserConstellation zu Grunde gehen muss so ist das fatal,aber kein unerträglicher Gedanke. Ein Gottvater aber, dermich unseliges Geschöpf de cceur leger oder auch aus päda-gogischer Weisheit so traurig zwischen Himmel und Erdeherumlaufen liesse, um mir später einmal für die verpfuschteZeit eine Gratification in der Ewigkeit zukommen zu lassennein, lieber Freund, alle durchlauchtige und undurchlauchtigeTheologie kann mir das nicht plausibel machen z .

So nimmt bei Heyse selbst der, dessen Leben am qual-vollsten verfehlt ist, seine Zuflucht zum Naturbegriff, alszum letzten beruhigenden Gedanken, und so hat er selbstin den schmerzlichsten Stunden seines Lebens dazu seine Zu-flucht genommen, und die wunderbaren GedichteMarianneundErnst, das Tiefste und Ergreifendste, was er geschriebenhat, sind als Zeugnisse davon zurückgeblieben. Die Naturist sein Ausgangspunkt und sein Endziel, die Quelle seinerPoesie und ihr letztes Wort, sein Eins und Alles, sein Trost,sein Credo.

III.

Was er verehrt, anbetet und darstellt ist also, ganzallgemein ausgedrückt, die Natur. Aber wie er seiner eigenenNatur folgt, so stellt er auch seine eigene Natur dar, undihr Grundzug ist der, ursprünglich harmonisch zu sein. Einesolche Bezeichnung ist sehr weit und vag. Sie lässt, unbe-

1 K. d. W. III, 109.