Paul Heyse,
19
Bürgern, Frauen und Kindern den Auszug aus der allenSchrecken preisgegebenen Stadt zu sichern. Da erhebt sichder alte pedantische Pädagog Zipfel, ein echter altmodischerdeutscher Philologe, um im Namen der Bürgerschaft die Ant-wort zu ertheilen. Mit vielen Umschweifen, mit lateinischenRedensarten spinnt er unter allgemeiner Ungeduld seine Redeaus. Man unterbricht ihn, man gibt ihm zu verstehen, wie manwohl wisse, er denke nur daran, dem Commandanten undden Truppen die gefährliche Vertheidigung der Stadt zuüberlassen — endlich gelingt es ihm, die Ansicht zu er-klären, die er mit der langen Erzählung vom grossen Perser-kriege und Leonidas mit seinen Spartanern im Sinne ge-habt; die Ansicht nämlich, dass es Allen, ohne Unterschiedgebühre, dazubleiben und zu sterben. Diese Scene hat Heysecon amore geschrieben. Sie enthält, so zu sagen, sein ganzesSystem. Denn nirgends triumphirt sein guter Glaube an dieMenschheit so, wie dort, wo er im Spiessbtirger den Heldenenthüllen, im armen Pedanten den unbeugsamen Mann auf-weisen kann, den kein Anderer in ihm gefunden hätte alsder Dichter allein, der es weiss, dass jede seiner Gestaltenim tiefsten Grunde der Seele ein unauslöschliches Adelsge-präge trägt.
IV.
Den Schriftstellern, die, wie Spielhagen z. B., am häu-figsten bei den Kämpfen des Bewusstseins und des Willensverweilen, und die am liebsten die grossen socialen und po-litischen Conflicte schildern, werden selbstverständlich dieMännerfiguren besser gelingen als die Frauen. Ein Mannes-charakter wie Leo in dem Romane „In Reih’ und Glied“sucht seines Gleichen, aber eine ebenso vorzügliche Frauen-gestalt hat Spielhagen nicht gezeichnet. Der dagegen, dessenGeist den Adel und die Anmuth des unmittelbar Natürlichen,die sichtbare und seelische Schönheit sucht, wird selbstver-ständlich lieber und besser Frauen schildern, als Männer.Hierin ist Heyse seinem Meister Goethe ähnlich. In fast allen