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Paul Heyse.
seinen Productionen steht der Frauencharakter im Vorder-gründe, und die männlichen Gestalten dienen hauptsächlichdazu, ihn hervorzuheben oder zu entwickeln. Da die Frauen-natur in der Liebe ihr verborgenes Wesen entfaltet und dieschönste Bliithe treibt, da in der Liebe die Natur als Na-tur durch tausend Illusionen zum Geist geadelt wird, so ver-herrlicht Heyse vorzugsweise die Liebe des Weibes. Erfeiert die Liebe und er feiert das Weib, aber es ist seinehöchste Freude, diese beiden Grossmächte im Kampfe miteinander darzustellen. Denn wenn die Liebe siegt, wenn sieals die Macht erscheint, deren Gebot das Frauenherz nichtTrotz zu bieten vermag, strahlt sie, den Widerstand über-wältigend, wie eine Allmacht, und indem sie die Wirkunghat, dass das Weib unter ihrem Einflüsse, im Trotz gegensie, im Kampf wider sie, von ihr beseelt, sich im ganzenStolz ihres Geschlechtes zusammenrafft, verleiht die Liebeihr jene aristokratische Schönheit, welche Heyse am bestendarstellt.
Der angeborne Mädchenstolz ist für Heyse das Schönstein der Natur. Eine ganze Gruppe seiner Novellen könntedie Ueberschrift „Mädchenstolz“ führen. Kierkegaard nenntirgendwo das Wesen des Weibes eine Hingebung, derenForm Widerstand ist. Dies ist wie aus Heyse’s Herzengesprochen, und dieser Widerstand ist es, der als Merkmalder adeligen Natur ihn interessirt und bezaubert. Es ist dasewig Festungsartige im weiblichen Gemlith, das ihn fesselt,das Sphinxartige, dessen Räthsel er immfer wieder errathenmuss. Der süsse Kern ist doppelt süss in seiner harten Schale,der feurige Champagner doppelt heiss in seiner Umwallungvon Eis. Es liegt um die weibliche Natur, wie Heyse sieschildert (von L’Arrabbiata bis Julie und Irene im „Para-dies“) ein Eispanzer, der verbirgt, abweist, irre führt, zer-bricht und schmilzt. Die Frau behauptet ihren Adel, indemsie so lange wie möglich sich weigert, ihr Ich aus den Händenzu geben, indem sie den Schatz ihrer Liebe aufspart undaufbewahrt. Sie erhält sich ihren Adel, indem sie ihr Ich