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Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
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Paul Heyse.

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ausschliesslich in die Hände eines Einzigen legt und derübrigen Welt gegenüber abweisend dasteht. Sie ist keinerblinden Macht unterworfen. Ist der Mädchenstolz gebrochenund besiegt, so findet sie sich selbst auf der anderen Seitedes Schlundes, und gibt sich frei, naturfrei möchte ich sagen.Nie kommt bei Heyse eine Verführung vor; wird eine solcheein einziges Mal als vergangenes Ereigniss erwähnt (Mutterund Kind), so dient sie nur dazu, die stolze Selbstbehaup-tung und die ebenso stolze, bewusste Selbsthingebung indas schärfste Licht zu stellen.

Diese Selbstbehauptung, diese Widerstandskraft (Rab-bia) wird in der Schilderung aufs mannichfaltigste variirt:Atalante in dem DramaMeleager hat die ganze frischeWildheit des Amazonentypus; sie zieht das Leben und dasSpielen in der freien Natur, Wettlauf, Speerkampf und dasGeschäft des Waidwerks weichlicher Zärtlichkeit und schmei-chelnder Liebkosung, den Siegeskranz dem Brautkranze vor.In Syritha wird die erste Schamhaftigkeit, die aufgescheuchtvon der Hochzeit entflieht, geschildert; in LArrabbiata derMädchenstolz, der es weiss, wie nahe bei der schüchternenBitte in der Seele des Mannes das rohe Verlangen liegt;im Mädchen von Treppi die instinctive Weigerung der Jung-fräulichkeit; in Marianne (Mutter und Kind) der Frauen-stolz, der bei dem sogenannten gefallenen Weibe sich unterdem Gefühl der unverschuldeten Schmach verdoppelt; inMadeleine (Die Reise nach dem Glück) das Pflichtgefühlgegen den von Kindheit an eingeprägten Sittlichkeitsbegrifif;in Lore (Lorenz und Lore) das Schamgefühl des jungenMädchens, dem Angesichts des Todes das Liebesgeständnissentschlüpft ist; in Lottka die melancholische Verschlossen-heit im Gefühl angeerbter Erniedrigung; im schönen Kätchender verzweifelte Unwille darüber, Allen zu gefallen, welcheralle Bewunderer und die eigene Schönheit zum Kukuk wünscht;in Lea die Scheu des entwickelten und reservirten Weibes,ihre Schwäche ahnen zu lassen; in Toinette der Abscheudes eingefrorenen Herzens, eine Leidenschaft zu heucheln,