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Paul Heyse.
die es noch nicht fühlt; in Irene die Sittenstrenge einer klei-nen Prinzessin; in Julie die Kälte einer Cordelianatur — bisder Augenblick kommt, da alle diese Bande gesprengt wer-den, da alle diese Herzen flammen, da der Männerhass derAmazone und die Schüchternheit des Mädchens und dieSchamhaftigkeit der Jungfrau und der Stolz der Frau unddie Pflicht der Strengerzogenen und die Schwermuth der Er-niedrigten und die Hülle der Schneekönigin, Alles, Allesals Holz eines einzigen ungeheuren Scheiterhaufens in süssemRauch auf dem Altäre des Liebesgottes aufgeht.
Denn nicht im Widerstande, der nur Form und Schleierist, sondern in der Hingebung sieht Heyse das Wesen desWeibes und ihre wahre Natur; und Naturanbeter, wie er ist,preist er Eros als den Unwiderstehlichen, der alle Schrankendurchbricht. Das Weib bereut es nie, sich seiner Macht unter-worfen zu haben, aber es kann seinen Trotz bereuen. Bettinasagt irgendwo in ihren Briefen ungefähr so: „Die Erdbeeren,die ich pflückte, hab’ ich vergessen, aber die, welche ichstehen liess, brennen mir noch auf der Seele.“ Heyse hatmehr als eine Variation dieses Themas gegeben: nachdemdas Mädchen von Treppi sieben Jahre hindurch ihre jugend-liche Sprödigkeit bereut hat, überwindet sie, als der Ge-liebte durch einen Zufall wieder in ihr Dorf kommt, krafteiner begeisterten und abergläubischen Ueberzeugung vonder Macht und dem Recht ihrer Liebe, alle äusseren undinneren Hindernisse, die sich ihrem Glücke in den Weg stellen,sogar die Gleichgültigkeit und die Kälte des Zurückgekehrten.Madeleine in der „Reise nach dem Glück“ hat, wie obenerwähnt,, in einer Nacht ihren Geliebten von ihrer Thür fort-gewiesen, und da er in der Finsterniss Wegreisen muss, ister mit dem Pferde gestürzt und auf der Stelle gestorben.Die Reue über ihren Trotz gegen die Liebe lässt ihr keineRuhe: „Was half mir meine Tugend?“ sagt sie; „sie warheil und ganz, und durchaus nicht fadenscheinig, und dochfror mich darin bis in’s innerste Herz“ r . Doch nicht genug
i G. W. V, 197.