Paul Heyse.
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damit, dass sie es bereut, der conventioneilen Moral gefolgtzu sein: das Bild des Todten verfolgt sie Jahr aus Jahr ein;eifersüchtig scheint er über sie zu wachen. Jedes Mal in ihremLeben, wenn sie glaubt, das Geschehene vergessen und dasGlück auf’s neue finden zu können, hört sie den Finger desTodten an die Thür klopfen, wie er klopfte in der Nacht,als er abgewiesen wurde. Streng straft Eros den, der nichtauf seinem Altäre opfert. Und Heyse führt in anderen Dich-tungen diesen Gedanken noch weiter aus. Hier hat der ab-gewiesene Liebhaber den Tod doch nur als zufällige Folgeder Strenge gefunden, welche die Heissbegehrte gegen ihnerwiesen hat. Lasst uns den Fall setzen, dass er sich nichtals Bittender, sondern als Gewaltthäter nähert, und dass derWiderstand des stolzen Weibes statt auf einem Pflichtge-fühl zu beruhen, das die Versuchung besiegt, nur Nothwehrgeg.en eine gefürchtete Ueberrumpelung ist, was dann? Auchdann straft Eros wie ein eifriger Gott. Das Drama „DieSabinerinnen" hat Heyse augenscheinlich um eines einzigenCharakters willen geschrieben. Wie konnte er sonst daraufverfallen, diesen für die Tragödie so wenig geeigneten, reinburlesken Stoff sich zu tragischer Behandlung zu wählen!Jener Charakter ist Tullia, die sabinische Königstochter. Voneinem römischen Krieger geraubt, in seinem Hause einge-schlossen, tödtet sie ihn, da er in der Brautnacht es wagt,sich ihr zu nähern. Wenn ein tragisches Leid jetzt als Racheder Römer die Tollkühne träfe, würde sich Niemand darobwundern; aber die psychologische Pointe ist in Ueberein-stimmung mit der ganzen Erotik Heyse’s die, dass sie durchErmordung ihres Gatten die erwachenden Triebe ihres eigenenHerzens zu tödten versucht und sich dadurch irreligiös gegenEros empört hat.
Er neigte
Sein Angesicht herab zu meiner Stirn,
Dass mich des Athems Hauch umrieselte
Und seine leise Stimme mir wie Gift
Schleichend durch alle Adern rann.