Buch 
Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
Entstehung
JPEG-Download
 

24

Paul Heyse.

Jetzt schaudert sie mit zersplitterter Seele über ihre soecht weibliche, so tief berechtigte That. Die Erscheinungdes Todten verfolgt sie überall, aber noch mehr als der An-blick seiner Leiche die Erinnerung an seine Liebkosungen.Nur Tag und Nacht, sagt sie, ists her, dass jene That voll-bracht wurde, und doch liegts hinter mir, wie tausend Jahreund tausend Tode. Eins nur ist gegenwärtig und ich werdes immer empfinden: sein Küss auf meiner Wimper, seineHand in meiner. Gegen den Schluss spricht sie dann zu ihrerSchwester die Grundidee' des Stückes in diesen Worten aus:

Flieh vor der Liebe nicht,

Sie holt dich dennoch ein. Geh ihr entgegenUnd beuge dich vor ihr. Denn tödtlich zürnt sieDem, der ihr trotzt, und saugt das Blut ihm aus.

Hat nicht der grimme Gott die Jungfraun alleSich unterworfen? Ich allein, o Schwester,

Entgelt es, dass ich frei mich aufgelehnt r .

Selbst den Gewaltthäter kann die Jungfrau nicht has-sen. Er brach den Frieden; aber was thut Liebe anders?Er überlistete; aber die Liebe ist listig. Er höhnte; aberspottet nicht die Liebe selbst des Gewaltigsten und Frei-esten? Mit andern Worten: ist nicht Eros selbst ein Gewalt-thäter ohne Scheu und Scham, ein Verbrecher, der alle her-kömmlichen Gesetze sprengt?

Alle? Das ist zu viel gesagt. Heyse hat wohl bisweilen,wie in den angeführten Fällen, eine an Kleist erinnerndeNeigung zu rein pathologischen erotischen Problemen, aberer ist allzu harmonisch angelegt, allzu reif und allzu deutsch- |national, um ohne weiteres die Leidenschaft als Ordnungund Gesetz der Gesellschaft durchbrechend zu schildern.Er ist entwickelt genug, um einzusehen, dass die Gesetzeder Leidenschaft und die Gesetze der Gesellschaft zweihöchst ungleichartige Dinge sind, die sehr wenig mit ein-

i G. W. IX, 73 ff.