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Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
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Paul Heyse.

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ander gemein haben; aber er bezeigt letzteren den Respect,den sie verdienen, d. h. einen bedingten. Seit seiner frühe-sten Jugend hat es ihn gereizt und gelockt, die nur rela-tive Wahrheit und den nur bedingten Werth dieser Gesetzedarzustellen, Fälle zu erdichten, wo sie auf solche Weiseübertreten werden, dass die Ausnahme gegen die RegelRecht zu haben scheint, und sogar der verhärtetste Spiess-biirger sich bedenken wird, hier zu verurtheilen. In seinerBesorgniss, der Ausnahme volles, unumstössliches Recht zugeben, hat Heyse bisweilen wie in seinem ersten, indie gesammelten Werke nicht aufgenommen, DramaFran-cesca von Rimini völlig barocke Ausnahmen aufgesucht;aber durchgehends ist es sein Bestreben, den Fall so mitPallisaden zu umzäunen, dass kein Sturmlauf der gewöhn-lichen Moral diese Schutzwehr Umstürzen könne. WennGoethe Egmont und Clärchen zusammenführt, stellt er dasVerhältniss nicht dar, als ob es einer Entschuldigung be-dürfe; das Verhältniss wird durch seine Schönheit verthei-digt. Heyse, der minder grossartige, ebenso vorsichtigeals kühne Dichter, hat immer ein Auge auf die conventio-nelle Moral geheftet und bestrebt sich stets, sie zu ver-söhnen, entweder dadurch, dass er ihr so zu sagen Rechtgibt in allen andern Fällen, als eben diesem einen, wo ihreUebertretung unvermeidlich war, oder dadurch, dass er dasVergehen wider die Sittenlehre sühnt, indem die Persönlich-keit mit Wissen und Willen das verbotene Glück um einenso hohen Preis erkauft, dass es so theuer bezahlt keinenPhilister locken würde.

InFrancesca von Rimini liegt der Fall so : Lanciottoist hässlich, roh und verderbt, sein Bruder Paolo edel undschön. Lanciotto entbrennt leidenschaftlich für Francesca.Durch Bruderliebe zu dem durchaus unwürdigen Lanciottoverleitet, hat sich Paolo dazu missbrauchen lassen, nichtnur als Liebeswerber, sondern sogar auf dem Hochzeits-tage als Bräutigam verkleidet, den Bruder zu vertreten,welcher befürchtet, dass seine Hässlichkeit nie das Jawort