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Paul Heyse.
deren psychologischen Fall, überhaupt nicht um ein StückLeben, sondern um das Leben selbst; sie lässt gleichsamdas ganze moderne Leben in einem engen Rahmen sichabspiegeln. Ein Schuss in das Centrum ist so erquickend.Warum es leugnen? Der peripherische Charakter in ein-zelnen anderen Arbeiten Heyse’s ist Schuld daran, dass sieweniger interessiren. Wenn man eine lange Reihe Novellendurchgelesen hat, kann man nicht wohl umhin, sich nachKunstformen zu sehnen, die bedeutungsvollere, allgemein-gültigere Ideen und Probleme in poetische Form fassen.
VIII.
Heyse’s Dramen sind höchst verschiedenartig : bürger-liche Tragödien, mythologische, historisch-patriotische Schau-spiele von sehr verschiedener Kunstrichtung; sein Talent ist■so biegsam, dass er sich an jede Aufgabe wagen darf.lEinen starken Drang zum Historischen hat Heyse nicht ge-habt; die historischen Dramen sind alle aus einem patrio-tischen Gefühl entsprungen und wirken am meisten durchdies Gefühl. Die für den Dichter bezeichnendste von diesenDramengruppen ist die, welche antike Stoffe behandelt.Zu der Zeit, da man überall in dem höheren Schauspielpolitische moderne Action verlangte, hat man in Deutsch-land über diese Beschäftigung mit altgriechischen und römi-schen Stoffen unverständig lamentirt oder gespottet. Manfragte, was in aller Welt den Dichter und uns an einemGegenstände, wie Raub der Sabinerinnen oder Meleager/oder Hadrian, zu interessiren vermöchte. Für den, welcherkritisch liest, ist es klar genug, was Heyse zu diesen Sujetshat hinziehen können. Sie verkörpern ihm seine Lieblings-ideen über Frauenliebe und Frauenloos, sein eigenes Wesenspiegelt sich in ihnen. Wer das heissblütigeDrama„Meleager“mit Swinburne’s „Atalanta in Kalydon,“ das denselben Stoffbehandelt, vergleichen will, wird zu manchen interessantenBeobachtungen über die Eigenthümlichkeit der beiden Dichter