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Die Staatslehre des Aristoteles in historisch-politischen Umrissen : ein Beitrag zur Geschichte der hellenischen Staatsidee und zur Einführung in die aristotelische Politik / von Wilhelm Oncken
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III. Zur Textesgeschichte der aristotelischen Politik.

Dass bei einer so ungeheuren Arbeit mancherlei Lücken und Un-ebenheiten mitunterlaufen, versteht sich von selbst; zu der Grösse desUmfangs kam die Schwierigkeit des in den zahlreichen Schriften desStagiriten so ausserordentlich verschiedenen Stoffes, dessen gleichartigeBewältigung und Durchdringung für einen einzelnen Gelehrten eine >

Sache der Unmöglichkeit war und ist. P

Allein ein Mangel des grossen Werkes lässt sich durch solche Er-wägungen nicht entschuldigen, und der ist von grossem Gewicht.

Bekker gibt von dem durch ihn benutzten Material, das dem Abge-sandten der Berliner Akademie mit beneidenswerther Reichhaltigkeitzu Gebote stand, keine andere Meldung, als eine lakonische Uebersichtin einem vier Seiten langen Verzeichniss der Nummern und Namenmit Auf klärung über die abgekürzte Bezeichnung der Handschriften, dieer in seinem Apparate unter dem Texte gewählt hat. Das ist Alles.

Nicht ein Wort verliert er über die Eigenschaften der Handschrif-

1) Ueber (las, was der Textkritik auch nach der Bekkerschen Ausgabe zu thunübrig bleibt, hat sich Bonitz in der Sitzung der kaiserl. Akademie der Wissen-schaften vom δ. Febr. 1862 (Berichte der philos. - histor. CI. Bd. 39, S. 183) folgen-dermassen ausgesprochen: »Durch die Bekkersehe Ausgabe des Aristoteles ist fürdie Texteskritik der aristot. Schriften ein so bedeutender Schritt geschehen, als esder Umfang der dazu aufgebotenen Mittel und der Name des Herausgebers erwartenliess; dafür kann jede Seite des Bekkerschen Textes, verglichen mit den früherenAusgaben, Zeugniss geben- Dennoch kann für die Aufgabe der Kritik, den aristote-lischen Text seiner ursprünglichen Gestalt möglichst anzunähern, Bekkers Recensionund kritischer Apparat n u r als Grundlage, nicht als ein wenigstens zeitweiser Ab-schluss betrachtet werden. Bekker hat mit der Schärfe seines Blickes und der Sicher-heit seines Urtheils aus der Menge der ihm zugänglichen Handschriften diejenigenherausgehoben und bei der Feststellung des Textes vorzugsweise benutzt, die sichauch einer erneuten Prüfung als die glaubwürdigsten erweisfen; aber diese Bevor-zugung ist gegenüber der vorherigen Tulgata nicht immer mit der Strenge durch-geführt, welche dem wohlbegründeten Urtheii gebührt hätte. Ferner hat die bei dergrossen Aristotelesausgabe vorgenommene Theilung der Arbeit, dass die Herausgabeder Auszüge aus den griechischen Erklärern von der Feststellung des aristot. Textesgetrennt wurde, diesem Texte die Ergebnisse entzogen, die sich aus jener wichtigenQuelle gewinnen Hessen. Endlich lässt ein eingehendes Studium des Aristoteles,welches besonders seit dem Erscheinen der Bekkerschen Ausgabe, durch mannich-fache Umstände gefördert, erhebliche Fortschritte gemacht hat, durch strenge Auf-merksamkeit auf den Gedankengang des Schriftstellers und auf seinen Sprachge-gebrauch an nicht wenigen Stellen \erderbnisse der Ueberlieferung erkennen undöfters durch dieselben Mittel, die zu ihrer Entdeckung führten, sie beseitigen. Nachdiesen Gesichtspunkten bedarf der aristotelische Text noch erheblicher Revisionenund ist derselben auch, selbst ohne die höchst wünschenswerthe neue Vergleichungmancher Handschriften, schon mit den bisher vorhandenen kritischen Hilfsmittelnfähig.«