Ze-8 Schreiben einer Mutter
worinn man Wasser und Grütze, Butter und Salz völligvon einander unterscheiden kann. Aber ein dunkler Begriffist wie ein Pudding von Miß Samsoe, worinn die Massevortreflich schmeckt, ohncrachket man nur eine kleine Ver-muthung von allen einzelnen Ingredienzen bekömmt. JenewürkctSckel, und dieser gleitet oft mit so vieler Wollust her-unter, daß die Vorstellungen des Leibarztes nichts dagegenvermögen. Die ganze philosophische Moral scheinet mir einesolche Habcrsuppe zu seyn, und es nimmt mich gar nichtWunder, daß Menschen, die blos durch deutliche Begriffegeführek werden, bey jedem Pudding gegen ihre Ueberzeu-gung handeln.
Einer unsrer großen Philosophen hat das Ucbergeivichtder dunklen Begriffe über die deutlichen auf einen solchenPudding gegründet; und da es unwidersprechlich ist, daß«ine grössere Summe von Ingredienzen mächtiger würktals wenigere, und daß jene nothwendig minder deutlich ge-schmeckt werden können als diese: so sehe ich gar nicht ein,warum man bey Erziehung der Kinder blos die Haber-moral gebrauchen solle.
Deutliche Begriffe helfen übcrdem allemal die Entschul-digungen erleichtern. Wenn ich mein Mädgcn für einenüblen Ruf zittern mache und ihre ganze Ehrbegierde dadurchin Flammen setze: so stürmen eine Menge von Begriffenund Folgen auf ihre Seele, welche sie mächtig dahin rcisscn.Erkläre ich ihr aber die Bestandtheile des üblen Rufs, sageihr, woraus das Public«»,, was den bösen Ruf giebt, be-stehe ; aus wie viel alten Weibern dasselbe zusammen gese-zet sey, wo die Gränze zwischen dem wahren und falschenliege, und was wir für einen Werth auf das Urtheil deSgemeinen Haufens zu legen haben: so wird sie meine War-nung zerlegen, Stückweise auseinander setzen, und mir zei-gen.