II
volks aufzunehmen — 'allen aber’ berichtet ein augenzeugesolcher Vorgänge 1 ' öffnete die heilige kirche ihre pforten
nach den worten der schrift: wer da anklopft, dem wird auf-getlian ’ —, in um so dichterer masse drängte sich heiden-thum in den christlichen vorstellungskreis. Auch ohne capi-tulation blieb der besiegte in seiner weise sieger. Die er-starkung des dogtna und der bischöflichen disciplin gestattetemanchen brauch, dein der heidnische Stempel zu tief und kennt-lich eingeprägt war, zeitig wieder auszuscheiden. Aber un-gehindert wucherte die locale legcndenbildung, in welcher sichdie erinnerungen des alten götterglaubeus mit oft überraschendtreuer Umbildung niederschlugen. Die kirche selbst hat dieseheiligung des profanen begünstigt. In echter fürsorge fürdas Seelenheil ihrer glieder hat sie ihren proselyten gar nichtzugemuthet auf den alten bitt- und opfergang zu verzichten.Wie die heiligen orte dieselben blieben, indem die tempel,an denen das volk am zähesten hieng, entweder einfach un-serem gotte geweiht oder nach ihrer Zerstörung durch kirchenauf gleicher statte ersetzt wurden, so sind auch die heiligenZeiten festgehalten worden. An die stelle heidnischer cultus-tage wurden christliche feste, vornehmlich gedenktage dermärtyrer gesetzt. Die wahren todestage der blutzeugen Christihat man nicht überall mit der gleichen pietät gewahrt wiezu Itom, sicher nicht im bereiche des hellenismus. Heiligegeschichtlichen andenkens hat man hier unbedenklich auf diekalendertage gesetzt, die gerade einer kirchlichen heiligungbedürftig schienen. Wo solche sich nicht darboten, scheuteman sich zuweilen nicht den verjagten göttern selbst die hinter-thiire zu öffnen: ein epitheton des gottes zum eigennamenumgewerthet oder etwas umgebildet gab den heiligen, den mansuchte. Aber der inhalt von sage und Vorstellung, den diezerschlagene form umschlossen hatte, floss nicht zu boden, son-dern sammelte sich in die neue schale. Es war sache der
1 Marcus, leben des h. l’orpliyrios von Gaza p. 203, 13.