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Albrechts von Haller ... Tagebuch seiner Beobachtungen über Schriftsteller und über sich selbst : zur Karakteristik der Philosophie und Religion dieses Mannes
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res Aberglaubens an, und warum sollte sie die Uebel-thaten ihres Feindes verantworten?

Die Laster der Lauen, der Namens - Christen /fallen eben so wenig der Religion zur Last. Wennwir sie mit dem Unglauben vergleichen, so halten wieLas Lehrgebäude der Offenbarung, und das Lehrge-bäude des Unglaubens gegeneinander. Jene führtuns zur allgemeinem Liebe, die das Wesentliche deeTugend, nach dem Geständnisse unsrer Feinde aus-macht; und diese trennet uns von allen Menschen,sie macht uns selbst und unsern Willen zu unsermGott, und zum einzigen Endzweck unsrer Thaten.Der Christ ist lasterhaft, weil er kein wahrer Christist; und der Atheist, weil er ein wahrer Atheist ist.Die Tugenden, die diesem bleiben, kommen von derScheu vor seinen Mitbürgern» von den übrig geblie-benen Empfindungen der Erziehung her, und er istkein ächter Atheist, er handelt nicht nach bündigenSchlüssen, sobald er etwas anders liebt als sich selbst-

Wir bemerken ferner, daß bey allen diesen Mäu-geln , eine ungemeine Menge Gutes im Christenthumübrig bleibt, dessen Quelle wir einzig in der Reli-gion zu suchen haben, da dieses Gute, nach dem Be-kenntniß unsrer Gegner, eine fremde Pflanze bey uns,und nicht eine Frucht unsers Herzens ist. Eine allge-meine Redlichkeit im Handel und Wandel; eine noch-rosse Uebermacht ehelicher Huld und Treue gegen die