Buch 
Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
Entstehung
JPEG-Download
 

465

b P. Unrein sind daher: Knabe Knappe, rauben Raupen,schreibest kneipest, liebst piepst. (Vgl. übrigens weiter unten bei n.S. 466 z. B. Abt tappt.) '

b s, b w, b v. Unrein sind daher: Raben schlafen (vgl.Rückerts Barbarossa), Fabel Tafel (Goethe, Fuchs und Kranich), bebenLöwen (Wieland), schöbe Möve.

d t. Unrein sind: Freude heu'te, Boden drohten, ödeerhöhte, schaden nahten. Wo der Klang nicht verschieden ist, muß der Reimd t als rein gelten, z. B. scheiden Zeiten, vergeuden bedeuten,Handel Mantel, Boden angeboten. (Vgl. unten n.) .

g ch, g k, g ck. Unrein sind z. B. Sieg siech, TagFach, Sarg stark, Gesang Dank, gemengt denkt, singt trinkt.Weg Dreck, mag Geschmack. Bei gleichem Klang ist der Reim g chrein z. B. Augen brauchen, Berge Lerche, zeigt schleicht, Zweige

Reiche, zeugtest leuchtest. (Vgl. unten n.)

h als stummes Dehnungszeichen wird übersehen. Rein sind also z. B.Freie Weihe, schreien Reihen, befreien verleihen, gut ruht.

m n. Unreinen Reim ergiebt die Verwechslung dieser Konsonanten,z. B. ihm flieh», Scham gethan, Odem Boden.

s h ss. Über Reinheit oder Unreinheit des Reims bei s ss

entscheidet die Aussprache. Unrein ist z. B. blasen hassen, fraßen Gassen,Glaser Wasser, riesig bissig. Rein dagegen: Eis heiß, las saß,weiß leis, lasen > saßen, preisest heißest, erwiesen genießen.(Vgl. unten n.)

z ds. Unrein ist daher z. B. Mainz Feinds.

Grenze der Zulässigkeit unreiner Reime im Vokal undKonsonanten.

Die deutschen Dichter des 13. Jahrhunderts befleißigten sich einer pein-lichen Reinheit des Reims im Vokal und Konsonanten. Es kamen bei ihnennachweislich Gedichte von 50 000 Verszeilen ohne einen einzigen unreinen Reimvor. Von den Neueren ist Platens Reinheit der Reime zu rühmen. Dagegensind unserem formgewaltigen Fr. Rückert ein paar tausend unreine Reime inseinen 200 000 Versen nachzuweisen, obwohl gerade er im Streben nach Reinheitdes Reims bis zur pedantischen Übereinstimmung der Schreibung des Reimechosging. (So schreibt er beispielsweise: Odem Bodem Boden, Eisenbesten, red' es bedes beides, sättigen bestättigen, Spieß bewieß,Spindel Bindet, Rede Fede, Schätze Gesätze, Kerze Merze, Schimpfe

Nimpfe, Tafeln Staseln Staffeln, Samen zuiamen. Noch fehler-hafter sind seine Reime: Thoren Zoren Zorn, er schaltet haltet hält,u. s. w. Freilich ist er nicht immer der Autor dieser Schreibweisen. Bodemist z. B. alte Form und noch im Dialekt lebendig; bestättigen ist eine verbreiteteältere Schreibung: znsamen ist ursprünglich im Mhd. so geschrieben worden rc.)

Beyer, Deutsche Poetik. I. 30