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b — P. Unrein sind daher: Knabe — Knappe, rauben — Raupen,schreibest — kneipest, liebst — piepst. (Vgl. übrigens weiter unten bei n.S. 466 z. B. Abt — tappt.) '
b — s, b — w, b — v. Unrein sind daher: Raben — schlafen (vgl.Rückerts Barbarossa), Fabel — Tafel (Goethe, Fuchs und Kranich), beben —Löwen (Wieland), schöbe — Möve.
d — t. Unrein sind: Freude — heu'te, Boden — drohten, öde —erhöhte, schaden — nahten. Wo der Klang nicht verschieden ist, muß der Reimd — t als rein gelten, z. B. scheiden — Zeiten, vergeuden — bedeuten,Handel — Mantel, Boden — angeboten. (Vgl. unten n.) .
g — ch, g — k, g — ck. Unrein sind z. B. Sieg — siech, Tag —Fach, Sarg — stark, Gesang — Dank, gemengt — denkt, singt — trinkt.Weg — Dreck, mag — Geschmack. Bei gleichem Klang ist der Reim g — chrein z. B. Augen — brauchen, Berge — Lerche, zeigt — schleicht, Zweige
— Reiche, zeugtest — leuchtest. (Vgl. unten n.)
h als stummes Dehnungszeichen wird übersehen. Rein sind also z. B.Freie — Weihe, schreien — Reihen, befreien — verleihen, gut — ruht.
m — n. Unreinen Reim ergiebt die Verwechslung dieser Konsonanten,z. B. ihm — flieh», Scham — gethan, Odem — Boden.
s — h — ss. Über Reinheit oder Unreinheit des Reims bei s — — ss
entscheidet die Aussprache. Unrein ist z. B. blasen — hassen, fraßen — Gassen,Glaser — Wasser, riesig — bissig. Rein dagegen: Eis — heiß, las — saß,weiß — leis, lasen >— saßen, preisest — heißest, erwiesen — genießen.(Vgl. unten n.)
z — ds. Unrein ist daher z. B. Mainz — Feinds.
Grenze der Zulässigkeit unreiner Reime im Vokal undKonsonanten.
Die deutschen Dichter des 13. Jahrhunderts befleißigten sich einer pein-lichen Reinheit des Reims im Vokal und Konsonanten. Es kamen bei ihnennachweislich Gedichte von 50 000 Verszeilen ohne einen einzigen unreinen Reimvor. Von den Neueren ist Platens Reinheit der Reime zu rühmen. Dagegensind unserem formgewaltigen Fr. Rückert ein paar tausend unreine Reime inseinen 200 000 Versen nachzuweisen, obwohl gerade er im Streben nach Reinheitdes Reims bis zur pedantischen Übereinstimmung der Schreibung des Reimechosging. (So schreibt er beispielsweise: Odem — Bodem — Boden, Eisen —besten, red' es — bedes — beides, sättigen — bestättigen, Spieß — bewieß,Spindel — Bindet, Rede — Fede, Schätze — Gesätze, Kerze — Merze, Schimpfe
— Nimpfe, Tafeln — Staseln — Staffeln, Samen — zuiamen. Noch fehler-hafter sind seine Reime: Thoren — Zoren — Zorn, er schaltet — haltet — hält,u. s. w. Freilich ist er nicht immer der Autor dieser Schreibweisen. Bodemist z. B. alte Form und noch im Dialekt lebendig; bestättigen ist eine verbreiteteältere Schreibung: znsamen ist ursprünglich im Mhd. so geschrieben worden rc.)
Beyer, Deutsche Poetik. I. 30