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meint für jene Zeit, daß ein Schlesier reime: umsonst und Kunst, können undbeginnen; ein Sachse: Fürsten und knirschten, Löwen und geben, Riesen undfließen, weiten und beiden; ein Niedersachse: Tag und brach, Glas und Faß,weil der erste in dergleichen Wörtern seinem o und ö einen Ton giebt, der sichdem u und i etwas nähert; der andere zwischen den st ein ch einzuschickengewohnt ist, und der dritte sein g am Ende recht wie ein ch ausspricht, welchesdenen, die das g fast wie ein k vorbringen, eben so fremd klinget, als unsernOhren in Niedersachsen die oben erwähnten Beispiele unerträglich fallen."
Dies gilt auch noch für unsere Zeit. Dabei ist zuzusetzen, daß dieösterreichischen Dichter mehrfach gedehnte und verschärfte Vokale verwechseln(z. B. will — viel, lassen — Straßen), die fränkischen ei und eu (z. B.heilen — heulen, eilen — Eulen, Eifel — Teufel), die sächsischen e — ö undg — ch (z. B. Berge — Störche), die obersächsischen und oberösterreichi-schen g — k und ch — g (z. B. versank — klang ^ klangt, Schwank —>Sang — Sangk, Wink — Ring — Ningk, blinkt — bringt — bringkt, kriecht -—siegt, raucht — saugt, zeigen — reichen. Blumauer reimt: Sack — Tag —mag, indem er das g in Tag und mag wie k ausspricht). Von den Schwabensagt Kern (Stuttg. Gymn.-Progr. 1888): „Bekanntlich ist der Schwabe, wennman ihn seiner Natur überläßt, nicht im Stande, i und ü vor m und n aus-zusprechen, sondern er setzt dafür ganz gesetzlich e, wie auch statt u in dem-selben Falle o." Eine Eigentümlichkeit des Schwäbischen ist es, das aus astammende e in der Aussprache dem i nahe zu bringen, während umgekehrtdas aus i stammende e guttural gesprochen wird, was man außerhalb Schwabensdadurch bezeichnen würde, daß man ii schriebe. Nun lautet jedoch das kurze iebenso weit fast wie e, so daß jenes aus a stammende e und dieses i gleich-klingen, somit also denken und trinken reimt, oder Bindle aus Bändle,Kindle auf Händle, ferner Erbsünde auf Hände — Brände. Die Schwabenunterscheiden übrigens ei in Reis (— pruiuu, ahd. ürito, engl. rops) undReis (— orlüs) rc.
Aus der schwäbischen Aussprache lassen sich manche unreine Reime Schillersin seiner ersten Periode erklären, wenn auch nicht entschuldigen, z. B. Menschen
— Wünschen (in Leichenphantasie), wimmert — dämmert (in Melancholie anLaura), nun — Ton (in Laura am Klavier), ferner: erschienen — grünen,verjüngt — springt, Spiegel — Flügel, Zeus — Reis, Steige — Zeuge rc.(in Klage der Ceres).
In Schillers „Die Götter Griechenlands" finden sich folgende unreineoder verfehlte Reime:
regiertet — führtet, drücken — Blicken, dreht — Majestät, geweint —Freund, gebieten — hüten, Feuer — Leier, Gestalten -— wallten, Güte —blühte, Gespann — voran, gestiegen — Vergnügen, beste — Gäste, Sülle
— Hülle, Kuß — Genius, Notwendigkeit — Menschlichkeit, Sterblichen —Erinyen, an — kann, Blick -— zurück, Trefflichkeit — Dankbarkeit, freuten
— Zeiten, edelster — göttlicher.