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Auf Schillers unreine Reime bezieht sich das bekannte Epigramm „Kenn-zeichen" in A. Wendts deutschem Musenalmanach Jahrg. 1832 von A. W.Schlegel:
Wenn Jemand Schoße reimt aus Rose,
Aus Menschen — wünschen und in ProseUnd Versen schillert: Freunde wißt,
Daß seine Heimat Schwaben ist.
Der Schweizer Bodmer reimte: Hunnen — ersonnen, kömmt — stimmt rc.
Bürger reimt: jener — schöner, Betrübten — Geliebten, gebeut —Schüchternheit rc.
Hölderlin: Schönen — Sehnen, verhüllt — gestillt rc.
Scheffel in den Bergpsalmen: Walkyren — führen rc.
Rückert in Barbarossa: sitzt — stützt, Barbarossa — Schlosse rc.
Aber auch Goethe hat viele unreine Reime, z. B. Getränke — Gelenke,anführt — paralysiert, gehn — schön, verschmähn — stehn, Pfühle — Spiele,Trübe — Liebe, Gehör — mehr rc.
Die meisten unreinen Reime findet man in Volksliedern, wo sich der Dialektoft allmächtig zeigt, wo aber auch das redigierende Volk manchen reinen Reimdurch die Aussprache unrein macht, oder ihn ganz und gar beseitigt. So sind,— um nur ein Beispiel anzuführen — zweifelsohne die Worte „wiedrumkriegen" und „groß und klein" dem bekannten Volkslied „Prinz Eugen, deredle Ritter" erst später eingefügt worden. Ursprünglich mag dasselbe wohlgereimt haben:
1. Strophe: Prinz Eugenius, der edle Ritter,
Wollt dem Kaiser kriegen wieder (statt: wiedrum kriegen)
u. s. w,
7. Strophe: Ihr Konstabler auf der SchanzeSpielet auf zu diesem Tanze
Mit Kartaun' und mit Kanon (statt: mit Kartaunen groß
und klein)
Mit den großen und den kleinen,
Auf die Türken, auf die Heiden,
Daß sie laufen all davon. u. s. w.
(Vgl. Sanders a. a. O. S. ll6.)
Eduard Mörike, der die Gedichte Wilh. Waiblingers 1844 bearbeiteteund herausgab, fügte manchen unreinen Reim ein, und ein Freund verteidigtediese Reime (in den Monatsblättern zur Ergänzung der Augsb. Allg. Zeitg.Jahrg. 1845, S. 401): „Mörike will in einem freieren Gebrauch dieserForm, worin nämlich Reime wie Stille und Fülle, Breite und heutesparsam eingemischt werden, vorzüglich beim Sonett und der achtzeiligen Stanzealles Ernstes eine Schönheit finden, indem dergleichen Lautmodifikationen, weitentfernt, ein gebildetes, aber unbefangenes Ohr zu verletzen, vielmehr einigenReiz auf dasselbe ausüben, der auf vermehrter Mannigfaltigkeit beruhe. Diegelinde Abbeugung von dem, was regelmäßig zu erwarten war, sei dem Ge-hör als graziös willkommen. Hierin aber liege bereits die Forderung einersehr mäßigen Anwendung oder vielmehr Zulassung dieser Würze, die freilichungesucht sich nur zu oft aufdrängen will."