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Einer ähnlichen Anschauung huldigt Christian Kirchhofs-Alton« im DeutschenDichterheim Jahrg. 1881. Nr. 9. Er setzt die Entscheidung über Zulässigkeitunreiner Reime in das Ermessen des gebildeten Geschmacks, wogegen die Re-daktion durch die Erklärung sich verwahrt, „dah die Aufnahme dieser Aus-führung keineswegs die künftige Duldung unreiner Reime im D. Dichterh. zurFolge haben werde".
Wir müssen schon aus metrischen wie aus ästhetischen Gründen die derRegellosigkeit Thür und Thor öffnende Anschauung von der Ungefährlichkeitunreiner Reime bekämpfen.
3. Gleichheit der Silbenquantität.
Zur Reinheit des Reimes gehört es, dah die accentuierte oder arsischeSilbe reimt, nicht die thetische wie in den falschen Reimen Vergeßlichkeit,Ewigkeit — Heiterkeit, Vorsehung — Behandlung, Spiegelung — Hoff-nung, feierlich — freventlich, hmeiu — Fältelein. Reine Reime müssen
auch hinsichtlich der Silbenquantität gleichartig sein, z. B. verderblich —unsterblich. Nicht aber verblich und unsterblich.
Es verstößt gegen die Silbenquantität wenn ein weiblicher Reim alsEcho eines schwebenden Reimes gewählt wird. Z. B. heißt er — Meister
Meister), nimm es — Grimmes, daß er — Wasser.
Aber dein Licht, im Innern blüht es
Meines Gemütes. (Rückert.)
Wie stolz und stattlich geht er!
Wie adlig ist sein Mut!
Er ist nur ein Trompeter
Und doch bin ich ihm gut. (Scheffel, Trompeter.)
„Er" ist im letzten Beispiel so schwer, daß es einer Arsis gleich kommt;man macht vor dem Wort unwillkürlich eine Vortragspause, weshalb mandurch den Gleichklang gezwungen ist, auch die Nachsilbe bei Trompeter zubetonen, was durchaus unschön oder komisch klingt. Reden auf Trompeten
ergiebt gleich leichte Silben, nicht aber „geht er" und „Trompeter".
Gegen die Quantität verstoßen ferner alle den gleichen prosodischen Be-tonungsgesetzen widersprechenden Reimsilben oder Wörter, insofern Ableitungssilbengeringeren Ton haben als Reimsilben und somit kein reines Klang-Echo er-geben können, z. B. Leid — Unaussprechlichkeit, Kraft — Ritterschaft,klein — Mägdelein, Sinn — Schäferin, hin — Müllerin, Ding — Schmetter-ling, Blütezeit — Vergessenheit, bereit — Seligkeit, Streit — Sicherheit,Kraft — Mannschaft, klar — offenbar, Layim — Bräutigam, Ruhm— Altertum.