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Rückert erschloß uns den Orient, und Freiligrath, der in Wüsten und WälderAfrikas und Amerikas führt, verpflanzt die Poesie aus den engen Räumen deridyllischen Dachstube hinaus auf den großen mannigfach belebten Schauplatz derWelt, der auch neue Reime bietet. Seine Reime überraschen mehr noch als dieNückertschen durch ihre Neuheit. Ich erinnere nur an Reime wie Sevilla, Mantilla(Piratenromanze), Nacken, Schabracken, Gnu, Karrou (Löwenritt), Cochenille,Vanille (Scipio), Mantille — Vanille (Madrid), Mulatte — Fregatte (Florida),Dschagga's — Quagga's (Am Kongo) u. s. w. Das Neue ist eben hier wirklichFremdes, Wälsches.
Platen sagt: Da schon früher durch Rückert, in seinen lyrischen Werken,Formen behandelt wurden, die einen kunstvollen, vielfachen Reim erfordern,so fällt die bekannte Ausrede von der Rcimarmut der deutschen Sprache ohne-dies, wenigstens was den Reim betrifft, weg, und bloß die Armut bleibt alsPrädikat für ungeschickte Dichter übrig.
III. Wohlklang des Reims.
1. Der Wohlklang verlangt für die Reimstelle begrifflich wichtigeStammsilben.
2. Er verbietet fchwülstige Konfonantenhäufungen.
3. Er fordert Abwechslung im Reimgeschlecht und in den Reim-wörtern.
4. Er verbietet Verletzung der grammatikalischen Regeln sowieUnnatur in der Wortbildung, ferner den Gebrauch undeutscher oderunverständlicher Wörter, (vgl. ß 26), ferner die Auseinanderreißungzusammengehöriger oder mehrsilbiger Wörter oder Satztakte, endlichzu häufige Anwendung des e-Lautes.
5. Er fordert berechnete Lautmalerei.
6. Er haßt das Geschraubte.
1. Der Wohlklang fordert, das geistig bedeutungsvollste Wort des Versesin die Reimstelle zu setzen, um dem Reim den Charakter des Erfrischenden,Interessanten, Kräftigen, Bezaubernden rc- zu geben.
Bedeutungslose Zahlwörter, Hilfszeitwörter, Fürwörter rc. gehören nichtin die Reimstelle, da sie mindestens matt und schwach wirken und höchstensden Eindruck des Klingklangs erzeugen.
Man vgl. folgende unschöne Beispiele:
a. Wie selig, wer sein Liebchen hat,
Wie selig ist der Mann!
Er lebt, wie in der Kaiserstadt
Kein Graf und Fürst es kann. (Bürger.)
(Die Reime hat, Stadt, und kann sind für den Inhalt von minderwesentlicher Bedeutung und verdienen nicht das Übergewicht des Klangs, dasihnen die Stellung verleiht. Vielmehr liegt der Nachdruck in den Wörternselig und Liebchen, und dann in Graf, Fürst, die nun gar zum Nachteildes Gedichts durch die betonten Reime tonliche Einbuße erleiden.)