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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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(das Reimecho der 3. Zeile lautet: Ist er dem Vater, du sein Kind), soklingt diese Zeile wie eine Profanation, deren verletzenden Eindruck die 2. Zeile:Des Kreuzes dich abkehren" nicht zu verwischen vermag u. s. w. Dies habeneinzelne Herausgeber von Gesangbüchern gefühlt, weshalb sie die Stelle, diesich u, A. im alten Augsb. Gesangbuch Nr. 288 noch in ihrer Ursprünglich-keit findet, abänderten in:Laß dich den Wind des Kreuzes nicht abkehren".Alb. Knapp hat mit feinem Takt die ganze Strophe getilgt. (Vgl. Evang.Liederschatz, Stuttgart 1837. Nr. 1657.)

Z 144. Zur ältesten Entwickelungsgeschichte des deutschen

Vollreims.

1. Der deutsche Vollreim tritt in einzelnen Spuren und Ansängenbereits in unserer ältesten poetischen Litteratur auf. (Vgl. ß 124.)

2. Systematisch gebraucht findet er sich zum erstenmale in OtfriedsEvangelienbuch. (Vgl. S. 43 und 222 d. B.)

3. Heinrich von Veldeke brachte ihn Ende des 12. Jahrhundertszur Blüte.

1. In keimartigm Anfängen zeigt sich der Reim schon in den aller-ältesten allitterierenden Gedichten unserer Litteratur, z. B. im ersten der Merse-burger Heilsprüche (vgl. Grimm, Abh. d. Berl. Ak. 1842. S. 19):

iUiris summ ickisi,^nn borg. änockor:

8uma bgxt bsMcknn, snma beri losicknn,

8nmg elnböcknn umbi enniorriäi,

Insxrino bgptbgnäun invar viAgnäun.

Auch im Wessobrunner Gebet finden sich Keime des Reims neben derherrschenden Allitteration, nämlich die reimende Tautologie sntsü ni uusntso,ferner die Reimwörter rviäurstnntanno pivisanns AunniLlmnne,endlich die otfriedisch gebildete Verszeile: in cklno ZinLäa robta Anlnupn.

Das Hildebrandlied hat folgende Reimzeilen:

Vers 15. Hat sg^vtnn m i nsers liuti.

22. arbsolaosg (er rot vltgr bing) üöt.

56. in 8N8 börsmo man brnsti ^inninnan.

88. äor si ckob nn gr§östo östgrlinto.

67. unti im iro lintnn Inttilö nnrtnn.

Im Muspilli (vgl. das Beispiel in Z 132. S. 413 d. B.) finden sich

solche:

Vers 32. Ungnit gib bingäg äin nnsng-zg sslg.

66. äiu marbg ist tarprunnan, äin söta stet bicknnAgn.

67. ni uusm mit nnin xiums sär verit si 2 g nni^o.

88. ckonne vargnt onZilg nxor äiö mgrbä.