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In lateinischen litterarischen Denkmälern unseres deutschen Volks (z. B.in der lox sulies,, in der vitu Lauoti 6aili aus dem 8. Jahrh, rc.) findetsich der aufkeimende Reim bereits lang vor Otfried, der ihn freilich in seinemEvangelienbuch zum erstenmal konsequent anwandte, übrigens aber keinerleiAnspruch auf seine Erfindung macht und machen kann. (Vgl. Kelle a. a. O.S. 8S und 90.)
Sonst findet sich der Endreim noch im 9. Jahrh, im Bittgesang an denh. Petrus, ferner in Christus und die Samariterin. (Vgl. Müllenhoff, Denk-mäler deutscher Poesie und Prosa aus dem 8. bis 12. Jahrh. S. 44 ff.)Reimähnliche Wendungen und natürliche Reimformeln, wie wir solche im Z 126geben konnten, ferner die gereimten sog. Bauernregeln rc. herrschten bei unslange vor Ausbildung des Reims, welcher ganz ursprünglich wohl nur inSentenzen gebraucht worden sein mag: als das gleichtönende Gereimte inauseinander liegenden Schlußfilben.
2. Zur Herrschaft gelangte der Vollreim — wie erwähnt — durch seineVerwendung im Otfriedschen Evangelienbuch seit 868 n. Chr.
Über Otsrieds Metrik habe ich Wesentliches auf S. 222 d. B. gegeben.Ich füge hinzu, daß bei Otfried die Reimzeile der Allitterationszeile genauentspricht, und daß bei der Reimzeile nur das versregelnde Band ein andereswar. Die ursprünglich nur durch Allitteration aneinander geschlossenen zweiVershälsten werden in der Reimzeile durch die Endreime weiter untereinanderverbunden. Daher müssen auch (Kelle a. a. O. S. 94) je 2 durch den Reimgebundene Zeilen als eine Langzeile aufgefaßt werden, daher bilden ferner beiOtfried je 2 Verse eine Strophe. Die Allitteration war zu Otfrieds Zeit undspäter noch nicht verschwunden; die alten Reime waren überhaupt häufig nochallitterierender oder assortierender Natur. Der Assonanz mußte der Reim selbstnoch im 11. Jahrhundert weichen.
Otfried hat durch 2 Accentzeichen meist die 1. und 3. der 4 Arsen inder Zeile hervorgehoben, also die beiden Dipodien in ihren Anfängen. (Vgl.S. 222 d. B.) Auf diese Weise übte er die Betonung, die in der Folgeimmer größeren Einfluß gewann und durch den Schlußreim (den gewissermaßenmusikalischen Schluß-Ton) noch mehr gepflegt wurde. So begründete Otfriedunbewußt den Schlußreim als den stärksten Accent, der nach und nachdie Blüte und höchste Steigerung, ja das Ziel wurde, zu welchem das Steigenund Sinken der ganzen Tonreihe hineilte, der sich im bedeutendsten Wort-und vollen Zusammenklänge zeigte, ja, der ankündigend und aufrufend nah undweit entfernte Zeilen verband und so überhaupt durch die mannigfachstenWechsel und Verschlingungen vor allem den Bau der Stanze oder Strophebestimmte. (Westphal.)
3. Mit Heinrich von Veldeke (auch Fr. von Hausen darf als Mit-eröffner der klassischen Periode lyrischer Technik genannt werden) tritt Ende des12. Jahrh, die siegreiche und unbestrittene Herrschaft und die genaueBeachtung des Vollreims ein, wenn auch die vollständige Regelung des Vers-maßes erst in der ersten Hälfte des 13. Jahrh, nach Veldekes Vorgang sich