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vollzog. Heinrich von Veldeke bedeutet somit eine Art Epoche imhistorisch en Ent wickelun gsgang des im Minnesang znr höchstenBlüte gelangten Vollreims. Mit ihm beginnt die eigentliche Periodedes genauen Reims, die bis Mitte des 13. Jahrh, währte. Hatte manseither (bis Mitte des 12. Jahrh.) immer stumpfe (männliche) Reime ver-wendet, so entstanden mit Abschleifung der Endsilben auch weibliche Reime.Es bürgerten sich die aus der althochdeutschen epischen Langzeile hervorgegangenenReimpaare ein: die sogenannten höfischen Reimpaare.
ß 145. Grstarkung des mittelhochdeutschen Neims und seineWeiterbildung bis in die Neuzeit.
1. Der Vollreim in der klassischen Periode höfischer Lyrik zeigtbereits, daß unsere Sprache für den Reim recht gut geeignet ist.
2. Der weibliche Reim wurde erst seit Heinrich von Veldekegepflegt. Man stellte das streng regelnde Gesetz auf, daß von denzwei Silben des weiblichen Reims die erste betont sein müsse (a ch.
3. Man betonte behufs Herstellung männlicher Reime auch Ab-leitungssilben und begründete dadurch Zusammenklänge mehrsilbigerWörter.
4. Mit der Abschwächung betonter Endungen war auch der glei-tende Reim erfunden (- ^ ch.
5. Durch den kräftigen Tonfall des Reims unterschied man fürdie Folge die Reimzeilen, so daß man neben den Reimpaaren wievon selbst zu den künstlichen Reimverbindungen gelangte: zu den sog.Tönen oder Strophen, die sich zum Teil bis in die Gegenwart er-halten haben.
6. Die Regellosigkeit des Reims nach der Blüte der Poesie imMinnesang (vgl. S. 48 d. B.) fand ihren Abschluß erst im 18. Jahrh,endgültig durch Platen, den Begründer des reinen Reimes, sowie durchBürger, Goethe und Rückert, den Reimkünstler.
1. Der mittelhochdeutsche Reim zeigt, daß unsere ursprünglich schon inder Allitteration wie in der Assonanz betonende Sprache wie keine zweite fürden eigentlichen Reim geeignet und bestimmt war. Durch ihre vor allen andernverwandten Sprachen am mächtigsten auftretenden Flexionen und eigentüm-lichen Verwandlungen des Worts im Grund- und Wurzellaute, in demAusdrucke der meisten Verhältnisse des Worts und in seinen mannigfaltigenBildungen Lurch bloße Lautveränderungen (Ablaut- und Umlaut), zeigt sieeinen angestammten, lebendig bildenden Trieb, der, wenigstens durch Umlautung,zum innern Ersatze der abgeschwächten oder geschwundenen Flexionen fortwirkt.Wie durch dieses Schwinden die Sprache immer einsilbiger und zwei-silbiger geworden, so zog sich der Reim immer tiefer in die Wurzel undzu seiner wahren Bedeutsamkeit zurück, so bereitete sich der weibliche