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Reim vor. Diese tiefe, den Stamm erklingen machende ursprüngliche Bedeutsam-keit des Reims, welche als Stimme der Dichtkunst überall die schöne Antwortder Echo, den wurzelhaften Klang der Sehnsucht sucht und findet (vgl. WetzlavBd. III, 85), welche ferner die Wissenschaft der Wortforschung begründet undzwischen welcher das Wortspiel in der Mitte stand, — war somit unsererSprache seit jeher eigen.
2. Nach Einführung des weiblichen Reims seit Heinr. v. Veldeke undFr. v. Hausen wurde es feststehendes Gesetz, nur diejenigen zweisilbigenoder weiblichen (klingenden) Reime gelten zu lassen, deren erste Silbe langwar, und zwar entweder durch Verdopplung des Vokals (z. B. ü, i oder ie)oder durch entsprechende Verdopplung des Konsonanten, wozu auch ch gehörte.Zweisilbige Wörter mit kurzem Vokal und einfachen Konsonanten hatten nurden Wert von einsilbigen, mit denen sie auch reimten (z. B. sich aus sihe).Somit wogen in jener Zeit noch zwei kurze Silben wie eine lange.
3. Zu beachten ist die frühere Betonung (also Länge) von Ableitungs-silben und Endungen, die wir nicht mehr betonen, d. i. der Umstand, daßder Versschluß accentuierend und quantitierend zugleich war, z. B.innnnAi Menge, munon und nianot mahnen und mahnet, ^orinZolot alsReim auf not, vorvnnäslot auf rot, xlsrit auf Alt (bei Reimar vonZweier), ZrLvs auf wlrvärtz (Endungsreim bei Spervogel), vnnntz auf knnätz,Usrasäd auf öäsls (Kürenberg). Man reimte ganze Worte, z. B. sÜAsnsauf lrlnAsnö, (Nibelungen), Airottz auf inüots (Nithart), notsn auf Quoten,fiünäs—Airnäs (Nifen), irsoonoti — värolti (FVoltö), irsnAsti (nns-suAste), Aurotü — vornlrtu, innniinnnti und inilti. Lva-nAolZs reimtauf das Adjektivum 4ni gnslZö, lobstä und lUsUstä, tztnäö und Irnäö,rlolü und knininkrtelU u. s. w. Es ergab sich dadurch ein tonlicher Zu-sammenklang, und Worte wie tü^iäu, innAsnäe, nnZsto oto. mögen ge-klungen haben wie die Rückertschen Reime: Klingeklang: Schlingeschlang,und Mund den Preis: und den Schweiß, oder Goethes Werdelnst: Erde-brust, obwohl man (den Reim ^slonbsto: nnAkts ausgenommen) ähnlicheReime noch nicht fand.
4. Es machte sich in der Folge wie von selbst, daß die Endungen undFlexionssilben im Reime tonlich immer mehr abgeschwächt und an Zeitdauergekürzt wurden und die Stammsilben den Nachdruck erhielten, so daß z. B.
Reime wie sagene und klagene (im Nibelungenepos) sagene klagene lautenmochten. Dadurch war der gleitende Reim von selbst geschaffen.Die Meistersänger nannten ihn den „überklingenden".