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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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( 5. Allmählich unterschied man den Tonfall der Reimzeilen, wodurch sich

naturgemäße und gekünstelte Reimverbindungen ergaben, ein reicher Wechselvon Reimen und soviel Berschlingungen und Wiederholungen, daß die Reimein ihrer Beziehung oft unnatürlich erscheinen mußten. Die regelmäßige Wieder-holung der Reime in rhythmischen Abschnitten bildete Strophen oder Töne(wie die Minnesinger benannten). Zu welcher künstlerischen Ausbildung dieReimverschlingung übrigens bereits zur Zeit der Minnesinger gediehen war,möge folgende auch im H 198 und ß 207 zu behandelnde, das Gesetz derDreiteilung zeigende Strophe Walthers von der Vogelweide beweisen:

Reimschema: a d b n ^ alles ^ 1A- A t.

^Vbtt, iob bau äiueu Ion erssbsu: (s)

svm? äu mir Aist, äas uiiussl än mir; (b)

rVir svbsiäsu alle bto? von äir, (b)

sobara äivb, svl mir slso Zesobebeu. (a)

lob bau lip unäo solo (äss vas Zar ?s vil) (o)

AkVUAst tussutstuut clur äivb, (ä)

nu bin iob alt, unä bast mit mir äiu Aam^elspil; (o)

^ /-

ist mir äari norn, so laobsst än. ch)

blu laobs nn^ eins rvile noob: (l)

äin samertao rvil sobisrs bomen, s^)

/>>

unä nimst äir, sva^ äu nn^ bast benomon, (^)unä brennst äiob äar nmbs seäoob. (H

6. Trotz der hohen Entwicklungsstufe des Reims im Minnesang zeigtderselbe im Meistersänge (und namentlich im 15., 16., 17. Jahrh.) großeRegellosigkeit, bis sich im 18. und 19. Jahrh, durch unsere besten Dichter vor allem durch Platen eine bis in die Gegenwart reichende Pflegedes Reims geltend machte, was aus den späteren Paragraphen zur Genügeersichtlich werden wird.

ß 146. Unterschied zwischen unserem und dem Otsriedschen

Reime.

Es ist jedenfalls von Wert, durch nachstehende Sätze wenigstensandeutungsweise zu erfahren, wie sich aus dem Reime bei Otfried(bei dem alle Reime noch stumpf waren, bei dem also der Reim nurbetonte Silben wie mein und dein verband, nicht aber unbetonte wie

meinen, deinen) der Reim zu einem der vornehmsten Kunstmittel empor-gearbeitet hat:

1. Der spätere Reim bevorzugte die Stammsilben.

2. Die Reime wurden mit der Zeit schöner und richtiger.