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3. Die Stellung der reimfähigen Wörter wurde kunstvoller alsim Althochdeutschen.
4. Zur musikalischen Befriedigung durch den früheren Reimgesellte sich nach und nach die verstandesmäßige.
5. Der heutige Reim hat eine malende, onomatopoetische Bedeutung.
6. Durch Aufhebung der Betonung in der Schlußsilbe wurdeneinzelne Wörter reimfähig, die es früher nicht waren.
7. Durch das Aussetzen des Reimes wirkten die übrigen Reimepicht selten um so kräftiger.
8. Unser Reim kann auch mit Erfolg zur Erreichung einerkomischen Wirkung benützt werden.
1. Der heutige Reim bevorzugt die Stammsilben. Mit Zurück-ziehen der Betonung (H 145. 3 u. 4, S 478) von den Endsilben (z. B.
tüinün und ininLn wurden zu deinen und meinen) verringerten sich die reim-fähigen Silben. Nur diejenige Silbe konnte für die Folge in die Reimstelleeintreten, welche den eigentlichen Körper des Worts ausmachte, d. i. eben dieStammsilbe. So wurde der Reim durch die Beschränkung auf die Stamm-silbe geistiger.
Die früher betonten Endsilben wurden in den Schatten gestellt, und dieAccentverschiebung oder die Zurückziehung des Accents aus die Stammsilbewurde die Mutter des deutschen Reims. Somit verhalf der Reimder accentuierenden Metrik zum Sieg. (Vgl. S. 223 d. B.)
2. Unsere Reime sind schöner und richtiger als die althoch-deutschen. Wenn Otfried noch beispielsweise Land und Gewalt reimt, soverlangte bald die klassische Periode der formgewandten Meister des Mittel-alters Übereinstimmung vom letzten Vokale der Stammsilbe des Reimwortesan und begann eine so staunenswerte Reinheit des Reims, daß unsere Dichtersie mehr als seither studieren sollten. (Vgl. ß 143.)
3. Die Stellung unserer Reimwörter'wurde kunstvoller. Diesgilt besonders hinsichtlich der kunstvollen Vecschlingung der Reimkette. Währendbei Otfried immer nur die zweite Zeile auf die erste reimt, haben wir seit denMinnesingern eine unendliche Verschiedenheit der Reimstsllung. So ist z. B.in unserer Terzine der Reim der ersten und letzten Zeile durch die Mittelzeileder je vorhergehenden Strophe bedingt; das Sonett ist ein aus mehreren Stock-werken aufgebautes Reimkunstwerk; in der Oktave verbindet der Reim die ersten6 Zeilen auf's engste, so daß die zwei denselben nachfolgenden Zeilen amSchluß der Strophe als Abgesang empfunden werden und eine befriedigendeWirkung erzielen. In unzähligen Strophen finden sich neue Formen der Reim-verbindung, was das Hauptstück von der Strophik ersehen lassen wird. Soerfüllt der Reim neben seiner aus Befriedigung des ästhetischen Gefühls ge-richteten Aufgabe den Zweck, durch seinen Sitz an den Hauptstellen der Verseden Gedanken zu gliedern.