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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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4. Zur musikalischen Befriedigung durch den Reim geselltesich bei uns nach und nach die verstandesmäßige. Man setzte in dieReimstelle möglichst diejenigen Wörter, welche den vom Verstände oder derEmpfindung am hellsten beleuchteten Begriff ausdrücken, so daß also Formund Gedanke an derselben Stelle ihren Höhepunkt fanden und der Reimein unlösbarer Bestandteil des poetischen Körpers wurde. Also: Hervorhebungder Hauptbegriffe an der lichtvollsten Versstelle (der Reimstelle), auf die sichdie Aufmerksamkeit am meisten richtet, wurde Aufgabe und Zweck des Reimes.Man teilte ihm die Stammsilben der Begriffswörter zu, die durch ihren Wort-accent von eminenter Bedeutung für den Vers sind, insofern dadurch der Reimin musikalischer, phonetischer und onomatopoetischer Hinsicht den Rhythmus zuunterstützen befähigt wird. Der Klang der bedeutendsten Begriffe, die in dieReimstelle geschoben werden, ist auf diese Weise über das Ganze hellstrahlendergossen, da die Erinnerung dieses Klanges immer eine Zeile lang andauert,und nun erzeugt das Reim-Echo der korrespondierenden Zeile Übereinstimmung,Ebenmaß, Gliederung, Verbindung des Musikalischen mit dem Verstandesmäßigen.So ist z. B. von Goethe (der so einzig den Reim zur Gliederung des Ge-dankens und zur Hervorkehrung der wichtigsten Satzmomente zu benützen ver-stand, und dessen geniale Verwendung des deutschen Reimes im 1. Teil desFaust von Jedem beachtet werden sollte) in allen wichtigen Fällen dasBegrifsswort in die Reimstelle gestellt worden, so daß ihm schon aus diesemGrunde einzelne äußerliche Ungenauigkeiten oder unreine Reime bei der sonstigeninneren Bedeutung seiner Reime nachgesehen werden müssen. Man beachte,wie er z. B. bei der Stelle im Faust: Geschrieben steht: Im Anfangwar das Wort mit großem Geschick und noch größerer Absichtlichkeitdie vier Begriffe: Wort, Sinn, Kraft, That in die Reimstelle brachte,um ihnen so Bedeutung zu verleihen. (Vgl. S. 889.) Vielleicht hat er auchhier in's volle Menschenleben hineingelauscht, das so oft den Hauptbegriffdurch den Reim betont (z. B. Eile mit Weile; Kunst macht Gunst u. s. w.).Wir bieten noch ein Beispiel, in welchem die Hauptvorstellungen (Herz, Schmerz,klemmen, hemmen) durch Bersetzung in die Höhe der Reimstellung eine packendeGewalt erreichen:

Und fragst du noch, warum dein HerzSich bang in deinem Busen klemmt?

Warum ein unerklärter SchmerzDir alle Lebensregung hemmt? u. s. w.

5. Der heutige Reim wurde mehr als je onomatopoetisch ver-wertet. Die verstandesmäßige, absichtsvoll berechnete Behandlung des Reimsin unserer Zeit wußte die Wirkung desselben zu erhöhen, indem sie wieschon aus dem obigen Goetheschen Beispiel ersichtlich jene die Einbildungs-kraft anregenden bildlichenZLorte von sinnlich nachahmender Kraft in die Reim-stelle brachte. Dadurch unterstützte sie den Rhythmus und deutete, im Vorausden Begriff malend, onomatopoetisch an. Vgl. die am Schluß des H 28,sowie in 93 gegebenen Beispiele.

Beyer, Deutsche Poetik. I.

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