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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Weitere Beispiele:

a. Bor meinem Fenster dämmertDas trübe Mondenlicht;

Auf meinem Tischlein hämmertDie Uhr und rastet nicht.

Die stille Nacht durchschalletEin einsam hast'ger Gang,

Der wiederum verhallet

Die leere Straß' entlang. (Franz Kugler.)

I>. Und das Gesindel, husch husch husch!

Kam hinten nachgeprasselt,

Wie Wirbelwind am HaselbuschDurch dürre Blätter rasselt.

Und weiter, weiter, Hop Hop Hop!

Ging's fort in sausendem Galopp,

- Daß Roß und Reiter schnoben,

Und Kies und Funken stoben.

Graut Liebchen auch? . . Der Mond scheint hell!

Hurrah! die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?"

O weh! Laß ruh'n die Toten!"

(Bürger, Lenore.)

Man beachte, wie im vorstehenden Beispiele das musikalische Materialdes Reimes ebenso im Konsonanten wie namentlich in dem Vokal gesundenwurde. (Ich verweise auf S. 121 d. B.)

o. Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der WiesenEin Nebel sich in Streifen sacht hervor.

Er wich und wechselte mich zu umfließen,

Und wuchs geflügelt mir um's Haupt empor:

Des schönen Blicks sollt' ich nicht mehr genießen,

Die Gegend deckte mir ein trüber Flor;

Bald sah ich mich von Wolken wie umgössen,

Und mit mir selbst in Dämm'ruug eingeschlossen. (Goethe.)

Wie leicht und frisch, klar, sehnsuchtslos, die Lieblichkeit des Augenblicksin genießendem Verweilen malend, klingt das i des Reims. Wie wonnigsteigernd wirkt je der folgende Reim, indem er die Fülle, das Ungemessenezeigt, den Inhalt charakterisiert. Wie ändert mit jeder leisen Wendung, mitjedem neuen Gedankenbild der Reim seinen Klang und wie vereinen sich allediese milden, kosenden, kühnen, lebenden, schwebenden Klänge in dem Ganzenzu wunderbarer harmonischer Wirkung.

Noch trefflicher malt der . o-Reim in der Goetheschen Strophe:

ck. So hab ich wirklich dich verloren?

Bist du, o Schöne! mir entflohn?

Roch klingt in den gewohnten OhrenEin jedes Wort, ein jeder Ton.

Mächtig wirkend drückt hier Goethe durch den klagenden vollen Klangdes o die Sehnsucht aus.