Buch 
Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
Entstehung
JPEG-Download
 

492

Einzelne Verse (Verszeilen) als Glieder der Strophe nannte man Kola.Ein einzelner Vers bildete ein Kolon, sofern der folgende ein anderes Metrumhatte. Gleichmetrige Verse galten zusammen nur als ein Kolon. Nach derAnzahl dieser Kola benannte man die Strophen ebenso, wie man sie nach derZeilenzahl als Distichen, Tristichen, Tetrastichen, Pentastichen rc. bezeichnete.Eine Strophe von 2 Kola hieß also Dikolon. Beispiel: Die aus vier Versenbestehende sapphische Strophe, die man ein bukolisches Tetrastichen nennen könnte:

Erstes Kolon.

! Zweites Kolon.

Hatte eine Strophe 3 Kola, so hieß sie Trikolon. Beispiel: Diealcäische Strophe, die man ein trikolisches Tetrastichon nennen kann:

Erstes Kolon.

1 Zweites Kolon.

I Drittes Kolon.

Die Franzosen nennen die Strophe Oonxlst; die deutschen Meistersängerbezeichneten sie als Gesätz.

3. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die Strophe schon sehr frühin der Poesie aller Völker und bei uns bereits im heidnischen Altertum alsetwas Bekanntes gebraucht wurde. Nachweislich waren schon die ountieurnstioa ob insptu der vorkarolingischen Zeit strophisch abgeteilt, ähnlich denVolksliedern bis ins 13. Jahrhundert. Einen Beweis für diese Behauptungliefert das Galluslied aus dem 9. Jahrhundert, bei welchem in der Hand-schrift die Noten über dem Texte zeigen, daß sich die Melodie je nach der5. Zeile wiederholte: daß also üzeilige Strophen bestanden. Auchdie lateinischen Hymnen der ersten christlichen Zeit waren strophisch geteilt.Bei den Eddaliedern, dem Hildebrandslied und andern Heldenliedern (vgl.S. W. Müller in Haupts Zeitschr. Bd. III. 447. und Lachmann, Abh. d.Berl. Ak. 1833. 108) bestand ebenfalls Strophenabteilung.

Nach Kelle (a. a. O: S. 96) war die Strophe bei Otsried durchausnichts Neues! Otsried hat nur die Strophe wie auch den Reim (ß 144,S. 476 d. B.) in größerer Ausdehnung angewandt, und insofern ist es nichtunrichtig, von ihm Strophe und Reim herzuschreiben.

Ursprünglich bildeten wohl ein paar allitterierende Verse eine Strophe inder elementarsten Form. Die erste Zeile enthielt in ihren Stäben die Stollendes Aufgesangs, die zweite Zeile im Hauptstabe den Abgesang. Zwei durchEndreime verbundene Zeilen ermangeln des Abgesangs! sie verlangen dahernoch ein zweites Paar. So entstand die aus 4 Kurzzeilen bestehendeOtsriedsche Strophe.

Die nordische Dichtung bildete diese älteste Grundform später zu künst-lichen Strophen aus. Die Volkspoesie gestaltete ihre Schöpfungen dem Ursprung