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tz 155. StrophengllLder.
1. Die Abgrenzung des Stropheninhalts nach rhythmischen undsyntaktischen Rücksichten ergiebt strophische Abschnitte, die wir alsStrophenglieder bezeichnen.
2. Bei symmetrischen Strophen entsprechen sich die einzelnenGlieder.
3. Bei Abwägung und Vergleichung der Strophenglieder sind dierhythmischen Pausen hinzuzurechnen.
,1. Bei größerem Umfange gliedert sich die Strophe in zwei oder mehrereVersgruppen, also in Unterabteilungen der Strophe, die in rhythmischer undsyntaktischer Beziehung einen Ruhepunkt gewähren, so daß sie als Teile oderGlieder der Strophe den Eindruck wie etwa Vorder- und Nachsah oder auchwie Arsis und Thesis hervorrufen. Bei den Alten bildeten gleichmetrige Versezusammengenommen nur ein Kolon; bei uns hat für die Zusammengehörig-keit lediglich der rhythmische oder syntaktische Ruhepunkt zu entscheiden.
Weniger als zwei Verse kann bei uns ein Strophenglied nicht haben.Wir veranschaulichen dies durch Beispiele:
a. Dir liegt mein Herz und all' mein WesenIn meinen Augen klar am Tag;
Laß endlich mich in deinen lesen, '
Was meine Liebe hoffen mag. (Rückert.)
l>- Das Menschenkind begleiten,
Wohin sein Fuß mag schreiten,
Zwei Engel, schreibend früh und spat:
Sie schreiben mit der FederAuf seinem Blatt ein jeder,
Was Gut's das Kind, was Bös' es that. (Im Original steht irrtümlich
Wses.) (Rückert.)
(Die vorstehenden Strophen bestehen aus je zwei Strophengliedern, vondenen die beiden bei n. je zwei Zeilen, die bei 1>. je drei Zeilen umfassen.Der syntaktische Abschnitt fällt mit dem metrischen zusammen.)
2. Bei den symmetrisch gegliederten Strophen entsprechen sich Hebungenund Senkungen der Sätze vollständig; bei den unsymmetrisch gegliederten schwanktjedoch das rhythmische und formelle Gleichgewicht. Nicht selten ist z. B. dieThesis nur halb so umfangreich als die Arsis und umgekehrt.
Bei Platen finden wir meist symmetrisch gegliederte Strophen, währendviele andere Dichter, denen es hauptsächlich auf die Darstellung ankam, un-symmetrisch gegliederte Strophen in großer Zahl auszuweisen haben.
Bei den symmetrisch gegliederten Strophen findet man häufig nur zweibis drei Glieder, die wieder in rhythmische Reihen zerlegt werdenkönnen.
3. Bei Begrenzung und Festsetzung der Strophengleder sind auch diePausen zu beachten und mitzurechnen.