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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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1. Symmetrische Strophenglieder.

Die nachfolgende Stolbergsche Strophe:

Ich bin! des freuet sich mein Herz!

Ich bin, und werde sein!

Ein Stäubchen ist des Lebens Schmerz,

Gesehn im Sonnenschein.

teilt sich in zwei zweizeilige Glieder von gleichem Gewicht. Rechnet man beiZeile zwei und vier die rhythmischen Pausen hinzu, so nehmen diese Zeilendie gleiche Zeit in Anspruch wie Zeile 1 und 3. Es sind somit die beidenrhythmischen Reihen jedes Strophenglieds von gleicher Ausdehnung.

2. Unsymmetrische Strophenglieder.

Rechnet man in folgender unsymmetrisch gegliederten Strophe von Denis:

O fahre wohl in deinem milden Westen,

Erleuchten» der Welt!

Es trinkt den letzten Segen deiner StrahlenEin weiter Wollenkreis,

Und feiert deinen AbzugIn rotem Widerscheine,

Der Berg und Wald erfreut.

die Pansen zu den rhythmischen Reihen, so besteht die 1. Zeile aus 6 Taktenund verhält sich daher zur zweiten wie 2:1. Das Gleiche ist bei Zeile 3und 4 der Fall. Nimmt man zu den Zeilen o und 6 je eine halbtaktige,zur Zeile 7 dagegen eine ganztaktige Pause hinzu, so werden dieselben 3 Vier-takter. Die Zahl der 3 Strophenglieder, deren letztes durch seinen brachy-katalektischen Abschluß ein schönes strophisches Charakteristikum ergiebt, umfaßtsomit 9 -j- 9 -j- 12 Takte. (Vgl. hier Z 91. S. 270.)

tz 156. Doppelstrophen und abwechselnde Strophen.

Setzen sich zwei in ihrem Bau verschiedene Strophen als Haupt-strophe und Nachstrophe oder als Vorstrophe und Grundstrophe an-einander, so entstehen Doppelstrophen, die man wegen ihrer abwechseln-den Folge abwechselnde Strophen nennen kann. Jede derselben bildetein für sich bestehendes Teilganzes.

Interessant ist es, wie viele unserer deutschen Strophen, ähnlich wie diesbei den aus Aus- und Ubgesang bestehenden Strophen der Minnesinger (oderder griechischen Strophe und Antistrophe) der Fall war, aus zwei leicht wahr-nehmbaren Hauptteilen bestehen, so zwar, daß der erste Teil (Hauptteil) demletzten als Gegenteil entgegensteht. Der Eingangsstrophe folgt eine Nachstrophe,die sich meist durch Zeilenlänge und Rhythmus von ihr unterscheidet. Obgleichdurch Vereinigung der so gebildeten Doppelstrophe eine höhere Stropheneinheitentsteht, so wird dieselbe doch wie zwei Strophen geschrieben.

Bsyer, Deutsche Poetik. N

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