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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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и. eine aus einfache^ Metten zusammengesetzte jambisch anapäst-ische Strophe, bei der auf 2 Sechstakter 2 Viertakter folgen:

к. eine aus antiken Versen gebildete Strophe, bei welcher je einasklepiadeischer Vers einem glykonischen folgt.

Beispiele:

a. Dem Grunde des Bechers entsteigt ein seliger Zauber; das HerzDurchströmt er mit Khprias Glut und wiegt das entzückte Gemüt

Mit Hoffnung und scheucht in die FerneDie Sorgen dem Menschengeschlecht.

(Geibels Aass. Liederbuch S. 58.)

b. Als du mich noch im Herzen trugst,

Und kein trauterer Freund zärtlich die Arme dirUm den blendenden Nacken wand,

Schwelgt' in reicherem Glück Persiens Herrscher nicht.

(Geibels Aass. Liederbuch S. 164.)

ß 163. Über Verwendbarkeit und Reim antiker undantikisierender Strophen.

1. -Wenn wir auch keine prinzipiellen Gegner der antiken Strophensind, sofern sie den deutschen Accent nicht verletzen, so müssen wir dochdie Willkürlichkeit jener antikisierenden Strophen verurteilen, derenAusdehnung weder Auge noch Ohr aufzufassen vermag.

2. Ein Mittel, antiken und antikisierenden Strophen einige Popu-larität zu verschaffen, dürfte der Reim sein (vgl. A 140 am Schlüsse.)

1. Die Bestrebungen der letzten Tecennien des vorigen Jahrhunderts bisin das unselige hinein, die deutsch nationalen Strophen durch antike und antiki-sierende zu verdrängen, gehören heutzutage zum geschichtlich überwundenen Stand-punkte. Die Strophen der Griechen, die man bei den Alten nicht ohne Musik(im Drama noch dazu mit Tanzbewegung) hörte, wurden in ihrer rhythmischenAuffassung durch die Melodie (im Drama noch dazu durch die Bewegungsfigurendes Chores) wesentlich unterstützt. Daher konnten diese Strophen aus den ver-schiedenartigsten Metren zusammengesetzt sein und eine gewaltige Ausdehnunghaben. Unsere Sprache hat nur einen sprachlichen Rhythmus, keinen musika-lischen wie die griechische.

Daher stemmt sich unser deutsches Gefühl gegen antikisierende Sirophen-maße, deren Schema das Ohr nicht mehr festzuhalten vermag, ohne durch dasAuge sich zu unterstützen. Es empfindet in ihnen eine Marterkammer desGeistes, ein willkürlich ausgedehntes Gemisch, und verlangt, daß unsere Spracheauch in Bezug auf Strophik ihr eigenes Gewand tragen möge. Antikisierende,langzeilig ausgebreitete Strophen, wie sie Klopstock, Platen, Minckwitz u. A.gebildet haben, können nur dem formgeübten, sich gerne abmühenden AugeVergnügen bereiten; das Ohr wird sie als Strophen nimmermehr aufzufassenvermögen. Solche Strophen sollten nach der Absicht ihrer Bildner ein Analogen