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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Ach, unselige Grotte, die

Rings mein Jammer umtönend füllt,

Schmacht' ich wieder in Elend10. Ratlos'? Find' ich die Hoffnung auf,

Welche zu speisen vermöge den Darbenden,

Wenn sie gen Himmel fleugt,

Schwebend erschrocken mit rauschenden Fittigen?

Ich jag' ihr jetzt umsonst nach.

Antistrophe: Ach, wer kann unglücklicher sein,

Unglückseliger sein, als ich,

Der ich immer in WüsteneiFortan jammern und untcrgehn5. Soll schmachvoll in der WildnisAch voll Elend!

Nahrung such' ich hinfort umsonst,

Da nicht mehr die beschwingte WehrMein starksehniger Arm spannt10. Siegreich; Worte der Hinterlist,

Heimlich ersonnen, täuschten den Hoffenden;

Trüge der Frevler doch,

Welcher gesponnen das Netz, so verzehrendeBetrübnis gleichen Zeitraum.

Wer wird angesichts solcher Strophen, die wie bemerkt zu denleichter auffaßbaren gerechnet werden können, zugeben können, daß auch dieSchwierigkeiten des Verständnisses wegsallen bei Strophen, welche alle möglichenMetren vermengen und sich in Accentverschiebungen und sprachlichen Härten undWortverrenkungen gefallen!

Dabei fehlt so manchen antikisierenden Strophen der dichterische Wertvollständig. Man drucke z. B. folgende zwei Odenstrophen ohne Verseinteilung:

Mag altrömische Kraft ruhen im Aschenkrug, seit Germania sich löwen-beherzt erhob; dennoch, siehe, verrät manche behende Form Roms ursprüng-liche Seele, Roms Jüngling seh' ich, um den stäubte des Übekampfs Mars-feld oder geteilt schäumte die Tiber, der voll kriegslustigen Sinns, gegen Cheruskerselbst, Wurfabwehrende Schilde trug u. s. w." (Platen.)

Wo bleibt hier die Poesie? Man könnte eher von schlechter, schwülstigerProsa als von Poesie sprechen.

Rückert, der doch nachweislich antike Strophen zu bilden verstand, hat sichder antiken Strophenbildung wenig zugeneigt, vielmehr lieber eigene, dem deutschbetonenden Sprachgeist entsprechende Strophen gebildet. Er stand auf Seiteneines Goethe, Schiller, Uhlanb, Tieck, die sich ebenfalls gegen die Strophenmaßeder Alten im deutschen Gedichte aussprachen, oder die wenigstens das Bedürfnisderselben leugneten. In der That ist unser deutsches Strophenmaterial mehrals ausreichend, die bei uns seit dem Mittelalter etwas erschlaffte Schöpfungs-kraft in der Strophenbildung aufzufrischen und zu beleben, wie auch den Sinnfür Feinheiten im Strvphenbau zu beleben.

2. Die antiken und namentlich die antikisierenden Strophen empfehlen sichdem Ohre mehr, wo sie den Reim annehmen, wenn sie auch als inixtnin

Bey er, Deutsche Poetik. I. 34