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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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6. Beispiel aus Th. Souchays Feldblomen (Plattd. Husfründ, 1876):

An Enen, de nix vunst Plattdütsch will.

Nu will'k mal sehn, wo't geit plattdütsch so snacken, ( sprechen)

Un op so'n Art, wa manSonett" to seggt, sagt)

De klingt so nett, wenn jümmer grad nn rechtUn »ich verbreit de Satz tosamenhacken.

Schimp nich op't Plattdütsch! lat mi Grosfbrod backen!

Wenn du't dörchut nich magst un't smcckt di stecht,

So is't Gesmack, un min Gesmack de pleggt ( pflegt)

Doch sünst grad ok nich dowe Noet taube Nüsse) to knacken.

Wir vun de Heimat klingt dat as Musik,

Wenn mi op hollstecnsch Platt en Gruß mal kam',

Un hör ik de Musik, mutt ik ok singen.

So lat mi denn! un is di dat ok glik

Ik sing Duett mit mine platte Tarn',

Un kiek ( sieh), min Jung, mi dücht, nich stecht deit't ( thut es) tlingen.

7. Im weitesten Sinn nennt man schon einen inhaltlich zusammengehörigenCyklus von Sonetten einen Sonertenkranz Hz. B. Agnes Totenfeier, fernerAmaryllis von Rückert, Hohe Liebe von Franz Dingelstedt rc.). Im engerenSinne versteht man unter Sonettenkranz fünfzehn so gebaute Sonette, daß zurAnfangszeile jedes folgenden Sonetts je die Schlußzeile des ihm vorhergehendenSonetts genommen wird. Als Schlußzeile des vierzehnten Sonetts dient sodanndie Anfangszeile des ersten Sonetts. Die sämtlichen Anfangszeilen der erstenvierzehn Sonette der Reihe nach bilden das fünfzehnte Sonett, das den NamenMeistersonett trägt und mit den übrigen Sonetten selbstredend gemeinsamenInhalt und gleichen Reim hat. Als Beispiel eines Sonettenkranzes bieten wirden folgenden von Th. Souchay (In der Friedhosskapelle zu München):

I.

Da liegen sie, die kaum erstarrten Leichen!

Den Tod nicht ahnend schieren hin die einen,Gestreift kaum von des Lenzes hellen Scheinen,Wie Knospen fallen vor der Sense Streichen.

Die andern mußten mit Bewußtsein weichen,Sie sahen ihre Lieben um sich weinen,

Und hoffend auf ein seliges BereutenErfaßten sie die Hand des Tod's, des bleichen.

Was ist das Leben 2 Stetes Kommen, Gehen.Woher? wohin? wozu? Unnütze Fragen!Aus bleibt die Antwort. Niemand kann es sagen.

Auf kurze Freuden folgen lange Wehen,

Dann werden wir versenkt nach viel BeschwerdeIm frischen Schmuck, dem letzten dieser Erde!

Im frischen Schmuck, dem letzten dieser Erde,Den uns die Liebe gab mit heißen Thränen,Im Blumenschmuck, dem farbig-dustig-schönen,So folgen wir der hingegangnen Herde.

Den düstern Wagen langsam ziehn die Pferde,Mit Flor umhängen Leib und Hals und Mähnen,Das Grab, es starrt uns an mir grausem Gähnen,Und Sehnsucht klagt an dem verlaß'nen Herde.

Die Blumen welken, die Gebeine modern,

Hoch über Gräbern lachen Sonnenstrahlen;Ist es ein Zeichen überwundner Qualen?

Ein Zeichen Gottes? Jst's ein Freudenlodern?Wir wissen's nicht. Wir hossen's ohn'Gefährde:Der Geist, befreit von jeglicher Beschwerde."