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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Der Geist, befreit von jeglicher Beschwerde,Verklärt und göttlich .sonder Fehl und SchadenDarf er im reinsten Äthermeere badenIn goldner Freiheit, ohne alle Fährde.

Er sendet milden Trost herab zur ErdeDen Lieben, welche trauen Gottes Gnaden,

Und spendet Segen am verlaß'nen Herde,

Und kehrt der Totesbote einstens wiederUnd hebt die Sense auf zu neuen Streichen,Dann schließen sanft sich unsre Augenlider.

Ein solches Scheiden ist mir Glaubenszeichen;Schmückt doch die starren, kalten, toten GliederDie Friedensglorje im Gesicht, dem bleichen.

IV.

Die Friedensglorje im Gesicht, dem bleichenDu holdes Kind, das kaum geblickt in's Leben,Die Eltern mußten wieder hin dich geben,

Ich seh' es noch auf deinen Lippen schweben';

Es überstrahlt den Blumenschmuck daneben,

So engelsschön, so lieblich, ohne gleichen!

Kaum spürtest du den Lenzeshauch der Sonne,Das Leben gab dir nur die reinste Wonne,

Ein hold' Empfangen war's nur, das dir blühte'.

Ein Liebempfangeu elterlicher Güte.

Du warst ein Schatz, Nun liegst du bei den

Leichen,

So reich als arm, wie hier sich alle gleichen.

V.

So reich als arm, wie hier sich alle gleichen!So reich als arm, was gilt hier Stand und

Namen?

So reich als arm, sie schieden wie sie kamen!So reich als arm, der Tod kennt kein Er-weichen.

Hier dieser Mann mit bunten Ordenszeichen,Dein Leben war ein Wirrsal mancher Dramen;Der Vorhang fiel. Verhüllt sind Bild und

Nahmen;

Einst galt er viel, er zählte zu den Reichen.

Hetzt ist es ausgelebt das bunte Leben,

Und ausgespielt das noch so kühne Streben!Wer weiß, ob alles nicht umsonst gewesen,

Ob nicht die Thaten mit dem Leib verwesen!Man senkt ihn wie den Armen in die Erde,Im Schmuck verschieden, ähnlich in Gebärde.

VI.

Im Schmuck verschieden, ähnlich in Gebärde,'Liegt neben jenem eine arme Alte;

Das Antlitz trägt noch manche Sorgenfalte,Denn kärglich ging es ihr auf dieser Erde.

Doch mit Ergebung trug sie die BeschwerdeIm freudgen Gottvertraun, an welchem prallteDes Lebens Druck, der eyern-eisig-kalte,

Und betend schied sie, daß es besser werde.

Jetzt ist ihr wohl! Gott nahm sich voll ErbarmenDer Armen an; sie sah vom HimmelsthroneDen Cherub schweben mit der Siegerkrone.

Jetzt ist ihr wohl. Gott tröstet auch dre Armen!Doch alle, welche hier der Tod Versehrte,Gestorben sind sie bis zum neuenWerde".

VII.

Gestorben sind sie, bis zum neuenWerde"

Sich Alles, was besteht und hat bestanden,Verjüngt erhebt und sprengt die alten Banden;Gestorben sind sie für die blöde Erde.

Sie sind dahin, denn ach! der Tod verzehrte

Und die für uns hrenieden trostlos schwanden;Im Tod erstarrt die blühendste Gebärde.

Da stehen wir vor seftverschloßnen Schranken,Nichts blieb uns als der tröstliche Gedanken,Daß uns erblüht ein herrlich Wiedersehen.

Und dieser Trost, er mag wie ZephhrwehenUmgaukeln uns, wenn einst auch wir erbleichen:Ein güt'ger Gott giebt das gehoffte Zeichen."

VIII.

Ein güt'ger Gott giebt das gehoffte Zeichen,"So glauben alle seit der Welt Bestehen;

Die Hoffnung nur allein ward uns zu Lehen,Und rastlos drehen sich des Weltlaufs Speichen.

Der Einen Glaub' ist stark wie alte Eichen:Es muh so sein, es kommt ein Auferstehen,"Und Priester giebt's, die jeden Zweifel schmähen,Die vom Geschriebnen keine Hand breit weichen.

Doch ist die Schrift denn reinste Offenbarung,Und giebt sie keinem Zweifel jemals Nahrung?Wohl las ich sie, doch fand ich Stoff zum

Grübeln.

Das Grübeln aber führt zu schlimmen Übeln;Drum kann allein die Hoffnung uns erbeben!Wir wissen nichts! Was kann uns Bürgschaft

geben?