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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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tz 168. Sestme.

Sie ist ihrem Inhalt nach meist kontemplativ und rührt angeblichvom Troubadour Arnaud her. Opitz nennt sie Sechstine. Sie bestehtaus sechs und einer halben Strophe, von denen jede 6 jambische Vers-zeilen von 10 oder 11 Silben umfaßt.

Die Eudworte der sechs Zeilen der 1. Strophe bleiben in allenübrigen Strophen dieselben, nur ist deren Stellung in jeder Stropheeine veränderte. Die Sestinen sind nicht gereimt.

Die Ordnung in der Wiederkehr der Endworte ist so, daß die vrste Zeileder folgenden Strophe mit demselben Worte endigen muß, mit welchem dieletzte Zeile der vorhergehenden Strophe geschlossen hat. Dann folgen aus dervorhergehenden Strophe die Endworte der ersten, sodann der fünften, der zweiten,der vierten, der dritten Verszeile. In der letzten Halbstrophe kehren die sechsEndworte in der Mitte und am Ende der Verszeilen wieder, so daß also jedeZeile zwei derselben enthält. Manchmal enthalten dieselben jedoch auch nurje ein Endwert, also in Summa drei derselben.

Der eigentümliche Reiz dieser Dichtungsart besteht in dem Reichtume vonGedanken und Gefühlen, die sich immer wieder an dieselben Worte anknüpfenlassen, und in der dichterischen Gewandtheit des Ausdrucks.

Das einfachste Schema ist:

1. 1. n l> o cl s 1^ ü.lntzbcko

3. 6 1 <1 n b 6

4. 6 8 b I u ä

Ö. ä 8 U 0 k il

6. I) cl I 6 8 3

oder auch:

II. I. u d a ä s 1

2. k n d 6 ä 6

3. 6 I n b 8 ä

4. ü 8 I n b o

5. o <1 s I n II

6. 1> o <1 s t' 3

Beispiele der Sestine:

I. Wenn durch die Lüste wirbelnd treibt der Schnee, a 1Und lauten Fußtritts durch die Flur der Frost b 2Einhergeht auf der Spiegelbahn von Eis; o 3Dann ist es schön, geschirmt vom Winter-Sturm, ä 4Und unvertrieben von der holden Glut e 5Des eignen Herds, zu sitzen still daheim, 16

Oder mit Zahlen:III. 1 2 3 4 5 6

6 1 5 2 4 3

3 6 4 1 2 5

5 3 2 6 1 4

4 5 1 3 6 2

2 4 6 5 3 1