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Was ,innrer ihm behagt an Speis' und Tränke;
So ließ auch mir die Liebe
Verwegne Wünsche, Hoffnungen und Triebe.
Nun quält mir Tag für TagVergangnes Glück die Seele,'
Seit ich verbannt ein trübes Leben führte.
Ob Jemand wähnen mag,
Ich Hütte solche Fehle,
Daß drob so schwere Strafe mir gebührte?
So kleiner Irrtum schürteDie Räch' in Eurem HerzenMir, Herrin, so zur Pein!
Ihr treibt ja Wucher ein.
Doch sollten Euch des Weitverbannten SchmerzenGewahren Freud' und Frieden,
Sei meiner Qual nie Rast und Ziel beschicken.
O schöne klare FlutUnd Hain' ihr am Gelände,
Mit deren Laub sich edle Sieger schmücken;
Die ihr für Pfleg' und Hut
Des geizgen Pflanzers Hände
Vorn selben Stamm laßt mehrlei Früchte pflücken;
Euch möge nie bedrücken,
Wofern in meinen QualenIhr Lab' und Trost mir weiht,
Ein Ungemach und Leid,
Dieweil der Mond empfängt der Sonne Strahlen,
Aus daß die Nachwelt lerne,
Man sterbe nicht durch Trennung oder Ferne.
Mein Lied, verbannt hier bleibst du, — eine Stimme,Nackt, angehört, erkaltet,
Bis einst die Zeit zur Echo dich gestaltet.
K 172. Die VrerMe.
Die gewöhnliche italienische Bierzeile ist ein kleines vierzeiligesGedichtchen witziger oder galanter Natur.
Durch die Verschiedenartigkeit der Zeilenlänge und des an keine besondereRegel gebundenen Reimes ist das Auseinanderfallen in zwei Zweizeilen ver-hindert. Goethe hat die Vierzeilen Hundertweise als deutsche Renien ein-geführt, unter welchem neuen Titel auch die Rnckertschen Vierzeilen in der Ges.Ausg. Rückerts (Bd. VII) sich finden. Man kann Bierzeile wie Ritornellals eine Art Epigramm oder Sinngedicht auffassen.
Beispiele:
1. Der Frühling ist ein Dichter;
Wohin er blicket, blühet Baum und Strauch.
Der Herbst ein Splitterrichter:
Die Blätter welken, die berührt sein Hauch.
(Rückert.)