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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Den einst ein schönes Augenpaar gewahre:

Für solch »in süß Gedenken

Würd' ich das Leben und die Lust verschenken.

Doch dieser eitle Traum

Läßt mir zu bittrem Leide

Trugvolle Hoffnung vor der Seele schweben.

Gieb nicht dem Wahne Raum.

Mein Herz, der Tod bescheide.

Was unerreichbar blieb im langen Leben.

Längst hab' ich aufgegebenSo gänzlich dies Vertrauen,

Daß, Zwcifelmut im Blick,

Bor all dem Mißgeschick

Ich gar verlern', im Tode Trost zu schauen.

Ach! Eines nur vergönnte

Mir Leben:.wenn ich nicht mehr hoffen könnte.

Was auch die Augen sah'n,

Nichts kann mir Staunen regen,

Da hoffnungslos zu sein mir gar benommen.

Das ward mir angethan;

Selbst diesen Brand zu legen,

Der mich verzehrt, wie könnt' ich dazu kommen!Glaubt nicht, ich sei beklommen,

Man könne mein vergessen;

Ach, solcherlei GefahrGewann' ich lieb sogar;

Dann hielt' ein Fürchten doch mein Herz besessen.Wer sollte je vermeinen,

Es könne Hoffnung ohne Furcht erscheinen!

Wer noch verlieren kaun,

Nur der vermag zu beben;

Wem kein Vertust mehr möglich, weh' ihm, wehe!Schuld seid Ihr, Herrin, dran;

Denn nur den Tod zu geben

Gnügt' eine Stunde, wo ich Euch nicht sehe.

Ihr machtet, daß ich steheUmstrickt von falschem Hoffen;

Doch kränkt mich das noch mehr:

Ich galt Euch nie so sehr,

Daß Euer Zorn mich hätte je getroffen;

Wer so gering erschienen,

Vermag so süße Qual nicht zu verdienen.

Es that so lieb und lindDie Liebe mit mir immer,

Wie's jetzt sich klar ausweist in meinem Leiden;Denn hat gefehlt ein Kind,

Ist keine Strafe schlimmer,

Als die verdiente Straf' ihm nicht bescheiden;

Und nimmer braucht zu meidenDer unglückselge Kranke,

Fand ihn des Arztes BlickVerfallen dem Geschick,