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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Ich griff sofort zum Kalemdan.

Komm - - sprach sie treten wir in's HauchDort schreibst du mir den Talisman,"

Und darf dann bei dir bleiben?Ja!"

Mit ihr in's Hans trat ich alsdann ...

Mirza Schafft), es währte lang!

Doch: schriebst du ihr den Talisman?

Und half dein langes Bleiben? Ja!

(Bodenstedt, Mirza Schaffst)

II. Beispiel einer Kasside.

Das Leben ist so schön, doch ach! es währet nicht;

Drum fuß' auf dem, was sich so schnell verzehret, nicht.

Dem Mann, der Fichten gleich im Wuchs, mit stolzcni Gairge,Ist ewger Jugend Blüt und Glanz bescheret nicht.

Die Rose, die so frisch in süßem Dufte lächelt,

Weißt du, daß das Bestehn ihr doch verwehret, nicht?

Euch ewig nähren an der Mutter Erde Busen

Ach! Liebednft haucht sie nicht aus begehret nicht.

Geh' unbedacht nicht hin und sorglos gleich dem Schafe,

Der Wolf als Hirte führt dich unversehret nicht.

Daß treulos ist die Welt, bleibt keinem Blick verborgen;

Was jeder sieht, bedarf, daß man's erkläret, nicht.

Wo weht der Frühlingswind befruchtend durch die Fluren,

Daß sie des Herbstes Sturm daraus verheeret nicht?

Gäbst du dahin als Preis der ganzen Erde Reiche,

Um Einen Tag wird doch dein Sein vermehret nicht. '

O binde nicht dein Herz an diese Herbergsstätte,

Der Wandrer baut ein Hans, das er entbehret nicht;

Geht auch die Welt nach Wunsch, der Feind doch auf der Ferse;Ein Ort ist drum, wo man nur Glück erführet, nicht.

Als Götzendiener bist du in der Form befangen,

Des Wesens Hochgenuß ist dir gelehret nicht.

Der Welt hat der entsagt, wer Gott nur hat zum Freunde,

Daß seiner Freiheit Fuß mit Last beschweret nicht.

Sei auf der Hut, daß dich die Zunge nicht verderbe!

Das Unheil, das die Zung' erschafft, verjähret nicht.

Thu' Thaten, stecke nicht die Fahn auf! prunklos wirketDer Mann; ein Weg ist, wo er sichrer fähret, nicht.

Aus Gottes Wege geh' und, wo du willst, verweile,

Den Weisen ist zur Zell' ein Ort verwehret nicht.

Zum ewgen Thron heb auf die Hand der Not! der FrommeHat Andres, als daß er zu Gott sich kehret, nicht.

Doch besser, thu es nicht, den Freund nicht zu bclästgen;

Ein zweiter ist ja, der sich dir bewähret, nicht.

Was nützt der Predigt Guß, der auf die Häupter regnet?'

Ein Perlenmund ist, wer mit Ernst bewehret, nicht.

Die Welt hast, Sadi, du durch Wortes Schwert erobert:

Der Himmel gab dir's, sonst wärst du geehret nicht.

So schnell, wie sich dein Ruhm in jedes Land verbreitet,

Hat sich des Tigris Strom zum Meer entleeret nicht.

Nicht Jedem, der an uns zürn Ritter werden möchte,

Gelingts, denn der Gewalt lst Glück gewähret nicht.