Buch 
Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
Entstehung
JPEG-Download
 

634

tz 199. Zweizeilige Strophen.

1. Sie finden sich in allen Metren. Der Reim kann selbstredendnur gepaart sein, sofern nicht bei Langzeilen ein mit demSchlüsse korrespondierender Cäsurreim in der Mitte der Zeile sichbefindet.

2. Bei längeren, aus zweizeiligen Strophen gebildeten Gedichtenschließt der Gedanke (oder Satz) immer mit der zweiten Zeile ab.

1. Die meisten zweizeiligen Strophen hat Rückert geliefert. Er bedientesich hierzu des jambischen Sechstakters (Alexandriners). Vgl. sein LehrgedichtWeisheit des Brahmanen.

2. Rückcrts vielzellige Parabel Es ging ein Mann im Syrerlandoder Ada Christens Christbaum oder Scherenbergs Der Feind rc. dürfennicht wie es geschah in zweizeilige Strophen zerlegt werden, da derGedanke nicht am Schluß jeder zweitfolgenden Verszeile abschließt. Uhlandsder Wirtin Töchterlein, Geibels Rheinsage, Schwabs Der Reiter und derBodensee, Platens Das Grab im Busento, Kerners Das treue Roß,Simon Dachs Ännchen von Tharau, Robert Davidsohns Meeres-königin, Max Kalbecks Am Wege, Lenaus Die Drei, Littrows Christ-baum, Fr. Marx Letztes Sakrament, Dingelstedts Intermezzo: EinRoman I., Alb. Mösers Die Tamariske, Jul. Sturms Verborgene Wege,Oskar Weitens Hagens Pürschgang, Ernst Ziels Am Abend u. s. w.haben sämtlich den Gedanken am Schluß der jeweilig folgenden zweiten Zeileabgeschlossen, weshalb sie von selbst in zweizeilige Strophen zerfallen.

Wo die zweizeilige Strophe komponiert wurde, konnte es nur durch Wieder-holung der zweiten Zeile geschehen, oder es wurden je zwei Strophen zu einerckzeiligen zusammengezogen. Ich erinnere an die bekannte Komposition Ännchenvon Tharau, und Der Wirtin Töchterlein.

Beispiele zweizeiliger Strophen.

Schema: x x.

Glanz väterlicher Herrlichkeit, der aus dem Licht das Licht gebiert,

Du Licht des Lichts und Quell des Lichts, du Tag, aus dem uns quillt der Tag.

(Aus dem Latein, des 4. Jahrh., übersetzt in FortlagesGesängen christl. Vorzeit S. 312.)

Schema: u u.

^.nbs von llbarav vW, äe raz- Asköllt,

8e öss inin I.eveu, miu lloet vn min Itölt.

^nbs von llbarav bellt v-säcksr ssr HartOp mz- Ksrövbtst ön on ön 8obmart. etc.

(Simon Dach st 1659.)

Den Menschen sollst du dich insoweit anbequemen,

Um jeden in der Art, wie er sich giebt, zu nehmen.

(Fr. Rückert.)