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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Es waren einmal die Schneider,Die hatten guten Mut,

Da tranken ihrer neunzig,Neunmal neun und neunzigAus einem Fingerhut.

(Wunderhorn II. S. 376.)

i?. Es waren einmal die Schneider,

Die waren gar mutig und keck;

Da kamen ihrer neunzig,

Neunmal neun und neunzigZusammen auf einem Fleck.

(Rückert in Kranz der Zeit S. 211.)

ä. Der Winter kam: ich saßUnd mußte weben.

Jetzt, da es früher tagt,

Jetzt hab' ich abgesagt,

O Mutter, diesem arbeitsvollen Leben.

(Litthauisches Brautlied.)

11. a 6 u 6 o.

Eine prächtige Strophe, die durch Alfred Meißners weitgesungenes LiedDie Jüdin" mit dem flüssigen Kehrreim zur Bedeutung gelangte. MoritzHartmann hat wie Goethe in Die Spröde bei ihr des festen Kehrreims sichbedient.

Beispiele:

a. Es hallen dumpf die Totenlieder,

Der alte Jud' zerreißt sein Kleid,

Doch senkt er keine Tote nieder,

Die man begräbt, die lebt in Freud'

Das Grab, das wartet. (Alfred Meißner, Die Jüdin.)

b. Seit sie gestorben, ist mir Eins gewiß:

Daß es ein Ewiges muß geben!

Denn über meines Herzens RißFühl' ich ein ewges Leben schweben,

Seit sie gestorben. (Moritz Hartmann.)

v. Seinen Traun»

Lind wobFrühling kaum,

Wind schnob,

Seht, wie ist der Blütentraum verweht! (Rückert.)

(Vgl. hier Z 207 Nr. 30 d. B.)

12. s, 6 b u u. (Körners Gebetstrophe.)

Diese Strophe erscheint wie zwei Reimpaare mit vorgesetzter »-Zeile oderwie die persische Merzeile mit u-Abgesang. (Vgl. Nr. 2 dieser SchemataS. 646.) Sie ist durch Körners weltbekanntesGebet während der Schlacht"Populär geworden.

Weitere Formen derselben:

».Weible, du sollst Haine gehn.

Dein Mann, der ist krank."

Ist er krank? Gott sei Dank!

Noch ä Tänzel oder zween,

Naher will i hame gehn."

(Aus Büschings Volksliedern S. 297.)