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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Es sollt ein Mädlein waschen gan,

Ihr Hemdlein weiß, ihr Äuglein klar;

Sie hört einen Reuter singen.

Sie winket ihm mit ihrer schneeweißen Hand,

Daß er ihr hülfe answinden, ja winden.

(Aus Görres' Volksliedern S. 190.)

ß 203. SechsMrge Strophen.

Die sechszeilige Strophe kommt noch weit häufiger vor als diefünfzeilige. Sie ist entweder dreigliedrig oder zweigliedrig symmetrischoder zweigliedrig unsymmetrisch; z. B.:

n. Dreigliedrig symmetrisch. (2 -s- 2 -s- 2.)

Mein Köhler, der du deinen MeilerSchürst gegenüber unserm Weiler!

Wenn nicht der Wind sich bald wird drehen,

So müssen wir im Qualm vergehen,

Wie kannst du in der Näh' ertragen,

Worüber wir, die fernen, klagen? (Rückert.)

k. Zweigliedrig symmetrisch. (3 -j- 3.)

Auch darin gleicht

Der Liebeskönigin, der Rose,

, Die Traube:

Es nimmt so leicht

Auch sie die Zeit, die schonungslose,

Zum Raube. (Rückert.)

o. Zweigliedrig unsymmetrisch.

a. Alle Liederkehlcn,

Alle LiederseelenSind in meinem MundUnd im Herzensgrund; üDaß mir's keine Stund'

An Gesang kann fehlen. (Rückert.)

b. So viel Stern am Himmel stehen,

So viel Schäflein als da gehenIn dem grünen, grünen Feld,

So viel Vöglein als da fliegen,

Als da hin und wider fliegen,:»

Sovielmal sei du gegrüßt. (Wunderhorn II. 199.)

Schiller hat bei seinen sechszeiligen Strophen am liebsten die dreigliedrigeGruppierung angewandt, z. B. im Alpenjäger, in den vier Weltaltern, imReiterliede, dessen Rhythmus mehrfach nachgeahmt wurde (z. B. von Rückert