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von Aue, Der tugendhafte Schreiber); die beiden letzteren Formenfinden sich in gleicher Häufigkeit. Die älteren Formen dieser zwölf-zeiligen Strophen sind so planvoll und so architektonisch verständnis-voll ausgebaut, wie wir etwas Ähnliches bei den Neueren nicht nach-zuweisen vermögen. Zum Beweis geben wir übersetzt nur eines vonden vielen Beispielen:
Jahrlang will die Lindevom Winde
sich velwen, (— entfärben.)
Die sich vor dem Waldezu baldekann velwen;
Trauren auf der Heidemit Leideman übet:
so hat mir die Minnedie Sinne
betrübet. (Konrad von Würzburg.)
Welch reiche Kombinationszahl bei der zwölfzeiligen Strophe möglich ist,ergiebt schon der Hinblick auf die Kombinationsmöglichkeit der achtzeiligen.Die neu hinzukommenden 15 Kombinationen der letzten 4 Zeilen können einzelnan die 225 Kombinationen der achtzeiligen Strophe angefügt werden, wodurchsich 15 X 225 — 3375 Kombinationen ergeben, die noch durch eine Durch-setzung der einzelnen Zeilen mit reimlosen Zeilen erheblich vermehrt werden.
Formen der zwötffeiligen Strophe.
1. uubvedäeobäcl.
Beispiel: Rost von Sarnen (Hagens Minnes. II. 133. 8).
2. uubeobäekäst'.
Diese von Walther von der Vogelweide (Hagens Minnes. I. 271. 79)gebrauchte Strophe hat Rückert mit charakteristisch verlängerter Schlußzeile an-gewandt.
Beispiel:
Der Ritterbote SteigemeierHat auch am Feiertag nicht Feier,
Stets hat er umzusteigen,
In drei verschiedenen Kantonen,
Wo die verschiednen Ritter wohnen,
Abwechselnd sich zu zeigen,
In dem Kantone Steigerwald,
In dem von Rhön und Werre,
(Und Baunach heißt der dritte)
Bald ist er hüben, drüben bald;
Weil unser gnäd'ger Herre
Hier wohnet recht in aller dreien Mitte. (Rückert.)
Beher, Deutsche Poetik. I. ' 46