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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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6. Großen Spielraum wird dem in die Geheimnisse der Strophikeingedrungenen Dichter die Behandlung der freien Strophenformengewähren. Hierbei dürfte Schillers Lied von der Glocke Vorbildsein. G 157.)

1. Überblicken wir die sämtlichen Strophen, so finden wir, daß dieselbenmeist aus 2- bis 6taktigen, in einzelnen Fällen aber auch aus 7- undLtaktigen Versen bestehen. Vorherrschend in der Lyrik sind diejenigen Strophen,welche aus 4taktigen Versen gebildet sind.

2. Weiter ersieht man, daß die Länge der Verse insofern von derStrophenlänge abhängig ist, als lange Strophen sosern sie nicht schematischeKunstdichtungen sein sollen schon der Übersichtlichkeit und der Aufsaßbarkeithalber unbedingt kurze Zeilen haben müssen.

3. Die Strophenlänge ist meistens nur vom Inhalt des Gedichtsabhängig wie von der Gruppierung des Stoffes. Romanzen, Balladen, singbareGedichte haben (Geibels 12zeilige Spielmannsstrophe ausgenommen) in derRegel keine zu langen Strophen, welch letztere mehr bei schilderndem, erzählen-dem, elegischem Inhalt am Platze sein mögen. Deshalb hat z. B. RückertGedichte wie Schwere Wahl (Ges. Ausg. I. 534), Der Guckkasten (II. 104),Die Ephemeren (VII. 314), Das Reich der Amoren (I. 637) in langenStrophen geschaffen. Ebenso Tiedge Elegie, Denis Gruß des Frühlings,Tieck Sehnsucht, Schiller Lied von der Glocke und Kampf mit dem Drachen,Hermann Lingg Spartakus, Geibel Der Tod des Tiberius, Strachwitz Der ge-fangene Admiral, Lenau Der Schiffsjunge, George Morin Sedan u. s. w.

4. Wie aus den Beispielen des Z 117 ersichtlich ist, findet man alsMarimum der Strophenausdehnung 20- bis 35zeilige Strophen. Die letzterendürften wohl von keinem Ohre als einheitliche Ganze aufgefaßt werden können.In der Regel ist die 12zeilige Strophe die Grenze lyrischer Dichtungen. GroßeDichter haben aber auch einzelne wertvolle, schöne Bildungen in 13-, 14-,16- bis 20zeiligeu Strophen geliefert. Bei charakteristischer Lautverschieden-heit der Reime, Einführung markierender Verse, Abwechslung im Rhythmus rc.machen selbst noch lange kurzzeilige Strophen einen freundlichen Eindruck. BeimDeklamieren wird das Gefühl erzeugt werden, als ob 2 oder 4 Zeilen je eineZeile bilden.

5. Ein Überblick über die von uns aufgerollten möglichen Strophen-formen begründet die Überzeugung, daß der einzelne Dichter seine Kraftkeinesfalls in allen möglichen Formen zu bewähren vermag, daß er aber auch(etwa die in ß 219 erwähnten Formen ausgenommen) durchaus nicht nötighat, neuen, unentdeckten Formen nachzusinnen. Sein Genie wird sich in derrichtigen Auswahl der seinem Gefühl und Stoff am meisten entsprechendenForm nicht vergreifen; es wird aber auch eine untergeordnete, unbekannteForm zu nie geahntem Glanz erheben können. Nur durch Musterleistungen ineiner bestimmten Form hat sich von jeher der dichtende Genius bewährt, nurdurch eine großartige Leistung wurde die Form berühmt. Tiefer Inhaltmit der schönen Form vermählt, schafft reine geistige Kunst!