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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Erstes KaupLstück.

Begriff und Umkreis von Lyrik, Didaktik, Epikund Dramatik.

I. Lyrik.

Z 6. Begriff der Lyrik.

1. Lyrik ist die Poesie des subjektiven Gefühls, der subjektivenEmpfindung, der augenblicklichen subjektiven Stimmung.

2. Ihren Namen hat sie von der Lyra (-.r'(i«), einem griechischen,an die Stelle der Kithara (oder Kitharis) getretenen Saiteninstrumente,mit dessen Begleitung die subjektiven Dichtungsarten vorgetragen wurden,ähnlich wie die lyrischen Gesänge des deutschen Mittelalters mit Harfeund Geige. Die älteren Griechen bezeichneten sie als Melos.

1. Man könnte die lyrische Poesie den musikalischen Ausdruck desGefühls in all' seinen Stimmungen nennen, einen musikalischen Aus-druck der subjektiven Empfindungen, denen die äußere Welt der Erscheinungennur der Spiegel ist. Die Summe der Empfindungen ist die Lyrik.Die Empfindung ist gleichsam die geheimnisvoll durchdringende Macht, vonwelcher die Stoffe angezogen werden, wie das Eisen vom Magnet, so zwar,daß beim Anschlagen des fremden Stoffes jedesmal das Gemüt erklingt inFreude oder Schmerz, in Liebe oder Haß, in Begeisterung oder Verzweiflung,in Hoffnung oder Bangigkeit, in welcher Beziehung man von einer Lyrik derLiebe, der Freude, der Trauer, des hohen Seelenschwunges rc. redenkönnte. Jedes lyrische Gedicht strömt die eigenste Empfindung des bestimmtenDichters aus. Der Lyriker, der sich nur der Außenwelt gegenüber setzt, sagt,was er selbst fühlt, was sich mit seiner Person ereignet, spricht von seinemErlebten, doch so, daß die Thatsache des Erlebten vor der Gewalt der Stimmungzurücktritt und zu derselben schließlich höchstens in einem Verhältnis bleibt, wieder Draht zu der ihn durchzuckenden Elektrizität. Die Lyrik ist um mitGottschall zu reden aus dem Bedürfnis des Gemüts hervorgegangen, sichselbst in künstlerischer Verklärung gegenwärtig zu werden. Erst wenn die