Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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Das Kunstepos strebte nach künstlicherem Ausdruck und liebte an Stelleder schönen Nibelungenstrophe kurze Reimpaare. Da ihm nach Inhalt undForm von vornherein die nationale Bedeutung des älteren objektiven Volks-epos der früheren Zeit mit seinem naiven Glauben an die Macht derGötter mangelte, so stellte man es dem Volksepos als das künstlerische Epos(Kunstepos) gegenüber. Diese Gegenüberstellung darf jedoch nicht etwa aufden Gedanken bringen, daß das Kunstepos sich dem Werte nach zum Volks -epos verhalte, wie etwa Kunstpoesie zur Volkspoesie. Vielmehr überragt z. B.das Nibelungenepos die sämtlichen altromantischen Kunstepen im verständnis-vollen vorbildlichen Aufbau.

2. Das Kunstepos als Bearbeitungs- oder Nachahmungs-Epos wurdesofort fehlerhaft, wo der Dichter lediglich nachahmte, ohne seinen Stoff künstle-risch so zu durchdringen, daß Wesen und Erscheinung sich deckten und die An-schauungsweise des Stoffes unverletzt blieb. Vergil in seiner dem klassischenEpos nachgeahmten Äneide fehlte, weil er eine Sage aus der heroischen Zeitnahm und ihr eine der Anschauungsweise des Stoffes fremdartige kaiserlich-römische Ausführung gab. Römisch moderne Figuren paßten eben nicht fürdiesen Stoff. Die bewunderte Scene von Nisus und Euryalus, mit dernächtlichen Spähe des Odysseus und Diomedes Homers verglichen, zeigt dahereine falsche Nachahmung.

Klopstock mit seinen Schutzengeln hat ebenso gefehlt, als diejenigen, welchenach Homers Vorgang die Leitung der Götter als zum Wesen des Kunsteposgehörig betrachten wollten. Das Kuustepos der Neuzeit verlangt eine unserenAnschauungen entsprechende Maschinerie.

Hätten Dichter wie Hartmann von der Aue, Gottfried von Straßburg,Wolfram von Efcheubach weniger das Fremde nachgeahmt, so würden ihreKnustepen volkstümlicher geworden sein. So entstand nur das immerhin an-sprechende höfische Epos mit seinen paarweise vereinten Versen von 4 Hebungen;es' übersetzte fremde Stoffe, wobei durch die damalige Pflege des Minnesangsmeist die Minne das treibende Agens des Kunstepos wurde, oder in der Luftschwebende lyrische Tiraden den reinen epischen Stil durchsetzten und die Ver-bindung mit dem objektiven Volksepos erschwerten.

3. Schiller hatte die Absicht, für unsere Zeit ein großes Epos zu schaffen,das, aus dem Geist dieser Zeit herausgeschrieben, diesen für alle Zukunft ebensowiederspiegelte, wie die Jlias und Odyssee den Geist ihrer Zeit, das alsoein modern künstlerisches Volksepos zu sein imstande wäre.Schiller trug sich mit dem Gedanken, zum Helden eines solchen Epos Friedrichden Großen zu nehmen, nur — meinte er -— komme ihm die Idee für sechsbis acht Jahre zu früh. Sein Ausspruch ist bezeichnend für den Begriff desmodernen historischen Kunstepos. Er sagt: „Alle Schwierigkeiten, die von derModernität dieses Sujets entstehen, und die anscheinende Unverträglichkeit desepischen Tons mit einem gleichzeitigen Gegenstände würden mich so sehr nichtschrecken. Ein episches Gedicht im 18. Jahrhundert muß ein ganz anderesDing sein, als eines in der Kindheit der Welt. Und eben das ist's, was