Band 
[Erster Band]
JPEG-Download
 

4

zu erfreuen und aus dem Dunst der Alltäglichkeit in dieFreiheit und den Glanz der Schönheit zu erheben. DieIdee, daß die Bühne eine Art moralischer Bildungs- undErziehungsanstalt sein solle, was sie meinem Gefühl nachniemals war und niemals sein konnte, tritt mehr undmehr zurück: die Bühne dient dem edleren Vergnügen,zur Anregung dem Geiste, zur Erheiterung dem Gemüth,znr Belebung der Phantasie. Aber ehe solche Gedankensich festsetzen und durchdrungen, ehe die Ziele, die sieanstreben, Anerkennung finden, tritt ein unbehaglicherZwischenzustand ein. Das griechische Theater hat ihndurchgemacht, als es von der Posse des Aristophanes,die Athen in seinen Tiefen erschütterte, zum harmlosenLustspiel des Menander hinunterstieg. Mit der Ver-änderung des Horizonts, nach dem das Theater ausschaut,hat sich indeß auch der Boden gewandelt, auf dem essteht. In der großen Stadt genügt das eine oder diebeiden Hoftheater nicht mehr für die Menge der Schau-lustigen. Die Erhöhung des Eintrittspreises schließt ganzeKlassen der Bevölkerung von dem Besuch dieser kostspie-ligen Vergnügungen aus. Neben dem Hoftheater siedeltsich die Volksbühne an. Die endlich gewährte Theater-freiheit wirkt in ihren Anfängen zerstörend wie die Ge-werbefreiheit. Erst das nachfolgende Geschlecht wird dieFrüchte ernten.

Das Entscheidende jedoch für die Entwickelung desdeutschen Theaters ist der Umstand gewesen, daß dieDichtung seit dem Jahre 1848 die Bühne im Stich ge-lassen hat. Gutzkow hat nie wieder Erfolge errungen, diedenen vergleichbar gewesen wären, welche seinem „Werner",dem „Urbild des Tartüffe", „Zopf und Schwert" und