Band 
[Erster Band]
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modernen Lebens. Der Dichter der „Phädra" hat dieseSchwierigkeiten sehr wohl herausgefühlt und, um ihnenzu entgehen, uns mehr ein Lebensbild, eine psychologischeEntwickelung der ganzen Phädra, wenn ich so sagen darf,gegeben. Euripides und Racine fassen Phädra nur indem Conflict zwischen ihrer unseligen Leidenschaft zu ihremStiefsohn und dem Sittengesetz auf; der Dichter der neuenPhädra sucht aus ihrer Vorgeschichte diesen tragischenSchluß ihres Lebens zu erklären. Im ersten Akte zeigter sie uns im Palaste ihres Vaters auf Kreta, in leiden-schaftlicher Liebe für den athenischen Heldenjüngling Thesenserglühend, von ihm aber Ariadnens der Schwester wegenkaum beachtet; im zweiten, auf der Insel Naxvs, trägtder mächtige Schwung und die Willenskraft Phädra's überdie unsicher zwischen der Liebe zum Vater und der Hin-gabe an den Gatten schwankende Ariadne den Sieg davon:Thesens flieht mit ihr vor den verfolgenden Schiffen desMinos, während Ariadne zurückbleibt. Der dritte Aktfeiert die Heimkehr des Thesens nach Athen; erst imvierten und fünften entwickelt sich die uns Allen bekannteSage von Phädra und Hippolyt. Schon dieser Umrißdeutet die Schwäche der Composition an. Eine Reihedramatisch bewegter Scenen geht an uns vorüber, keinDrama. In der ersten Hälfte der Dichtung sind Minosund Ariadne hervorragende Gestalten, aus der zweitenverschwinden sie ganz. Eine gewisse Verbindung hat derDichter freilich hergestellt: der Fluch, den Minos überdie entflohenen Töchter ausspricht, wirkt gleichsam durchdie ganze Handlung nach und offenbart sich schrecklich indem tragischen Ausgang Phädra's. Aber dieser innerlicheHebel bringt doch die äußerlich von einander unabhängigen